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DAS KUNSTINDUSTRIEMUSEUM IN KRISTIANIA <ö^-
MODERNES SPEISEZIMMER, 1897 AUSGEFÜHRT NACH DEM ENTWURF DES ARCHITEKTEN H. BULL
IM KUNSTINDUSTRIEMUSEUM ZU KRISTIANIA
frisch und männlich wirken: krebsrot, rotviolett
, indigoblau, blaugrün und messinggelb
. Hervorgegangen ist diese Farbenskala
aus Munthes langjährigem Studium der alten
einheimischen Kunstüberlieferung. Bei der
Ausstattung der Museumssäle kamen diese
Farben der Wirkung derjenigen Gegenstände
zugute, aus denen sie wie ein Extrakt abgeleitet
waren. Es handelte sich darum, den
prächtigen alten Bildteppichen, den farbig
gemusterten alten Geweben und Stickereien,
den bunt bemalten Truhen und Schränken,
den reichen silbernen Schmucksachen und
den vielartigen Holzschnitzereien eine passende
, natürlich wirkende Fassung zu geben.
Die Hintergründe für alle diese Gegenstände,
die Wandflächen in den Sälen, wurden weiß
gelassen, die Fußböden mit rotem Linoleum
belegt. Zwei nebeneinander liegende Säle,
die für die große Sammlung der Bildwebereien
bestimmt waren, erhielten eine verwandte
Dekoration. An den unteren Wandteilen
wurden niedrige Holzpaneele mit Füllungen
angebracht, die in dem einen Saal grün, in dem
anderen blau gestrichen wurden; den oberen
Abschluß bilden ornamentale Friese in den
MuNTHESchen Farben. Die Teppiche wurden
auf die Wände gespannt und mit schmalen
roten Leisten eingefaßt. Sie heben sich wie
Gemälde von dem Hintergrunde ab, dessen
Fläche sie beinahe ganz bedecken. Türen
und Vitrinen wurden mit farbig bemalten und
vergoldeten Aufsätzen von durchbrochenem
Zierwerk geschmückt. In dem dritten, ziemlich
langen und weniger günstig beleuchteten
Saal, der außer gemusterten Webereien
namentlich die alten Holzarbeiten enthält,
sind auch die Paneele und Aufstellungsvorrichtungen
weiß gestrichen. Sehr ansprechend
sind die beiden Langwände durch je vier geschnitzte
und bemalte Holzpilaster mit vergoldeten
Bekrönungen gegliedert (Abb. S. 194).
Es leuchtet ein, daß eine so farbig gehaltene
Ausstattung bei der Wirkung der Gegenstände
stark mitspricht. Für Sammlungsobjekte
feineren Charakters würden so starke
Begleitwirkungen nicht unbedenklich sein.
Aber hier sind sie am Platze. Die derben,
volksmäßigen Erzeugnisse vertragen nicht nur
kräftige Gegensätze und ausdrucksvolle Farben;
sie erfordern sie vielmehr als notwendiges
dekoratives Gegengewicht.
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