Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 12. Band.1905
Seite: 197
(PDF, 141 MB)
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-s?^> DAS KUNSTINDUSTRIEMUSEUM IN KRISTIANIA -C^s^

Wie die Arbeiten altnorwegischen Kunstfleißes
den Kern der Sammlungen des Museums
bilden, so haben sie andererseits auch
als Grundlage für die praktische Tätigkeit
gedient, die der Vorstand entfaltete, indem
er die alten Handfertigkeiten, die unter
dem Import fremdländischer Fabrikware in
Vergessenheit geraten waren, wieder zu
Ehren brachte. Zuerst ergriff man Maßregeln
zur Hebung der Holzschnitzerei, einer
Kunstfertigkeit, die seit den ältesten Zeiten
in dem holzreichen Lande verbreitet gewesen
ist. Die ersten ornamentalen Vorbilder lieferten
die in den verschiedenen Museen des
Landes bewahrten alten Holzarbeiten, Portale
und Gebälkteile aus den Holzkirchen, Sessel
und Stühle und anderes Hausgerät (Abb.
S. 198). Da diese Ueberbleibsel alter Volkskunst
mit den charakteristischen irisch-nordischen
Band- und Drachenverschlingungen
geziert waren, und da Spuren dieser Ornamentik
mit der technischen Fertigkeit sich
in einigen abseits liegenden Tälern bis auf
die Gegenwart erhalten hatten, so lag es nahe,
auf diese heimischen Dekorationsmotive zurückzugreifen
. Aus diesem Formenschatz
waren die meisten Motive entnommen, die
1886 in einem Vorbilderhefte für Holzschnitzer
herausgegeben wurden. Das Jahr 18S6 bezeichnet
überhaupt den Beginn eines systematischen
und energischen Vorgehens. Der
Staat übertrug dem Vorstande des Museums
die Förderung des nationalen Hausfleißes und
bewilligte hierfür eine jährliche Unterstützung.
Hierdurch wurde es dem Vorstand ermöglicht,
nicht nur Lehrkurse von kürzerer Dauer
in der Hauptstadt und in kleineren Städten
sowie auf dem Lande abzuhalten, sondern
man konnte auch zwei Schulen für Holzschnitzerei
in Hardanger und Lesjeskogen
errichten. Diese Schulen gingen einige
Jahre später in der großen Kunstindustrieschule
in Thelemarken auf (jetzt in Gaus-
dal), welche in Kursen von achtmonatlicher
Dauer die Schüler im Schreinern,
Schnitzen und Zeichnen ausbildet. Der Unterricht
in den fliegenden Kursen umfaßte
außerdem die Weberei und die für Norwegen
eigentümliche „Täger"-Technik, eine Flechtarbeit
aus Birken- und Föhren-Wurzeln, sowie
die „Rosenmalerei" d. h. eine bäuerliche,
starkfarbige Blumenmalerei, die seit dem
17. Jahrhundert zur Verzierung von Mobiliar
und Kleingerät in Gebrauch gewesen ist.

Unter allen diesen Fertigkeiten norwegischen
Hausfleißes steht im Hinblick auf künstlerische
Verwertbarkeit die Textilarbeit, im besonderen
die altnorwegische Bildwirkerei, obenan. Die

Wiederbelebung der letzteren verdient um so
mehr einmal festgelegt zu werden, als darüber
vielfach irrtümliche Ansichten herrschen.
Die Technik kommt in ihrem Wesen auf dasselbe
primitive Flechtverfahren am aufrechten
Webstuhl hinaus, das die homerischen Gedichte
kennen, das den Völkern der Stein-
und Bronzezeit geläufig war, und das noch
heutzutage bei Naturvölkern, wie z. B. bei
den Indianern von Colorado in Gebrauch ist.
Es ist andererseits aber auch dasselbe Verfahren
, mittels dessen die Pariser Gobelinmanufaktur
ihre raffinierten Arbeiten herstellt.
Die Ausübung der Bildwirkerei läßt sich in
Norwegen soweit zurückverfolgen, wie die
literarische Ueberlieferung reicht. Teppiche
mit Gestalten aus der nordischen Mythenwelt
dienten vor der Einführung des Christentums
zum Schmuck der Tempelwände. Später
wurden die Wände der Kirchen mit Bildteppichen
biblischen Inhaltes behängt. Ein
Stück von einem kirchlichen Wandteppich
aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, der sog.
„Baldishoelteppich" ist erhalten und befindet
sich imBesitz desKunstindustriemuseums( Abb.
S. 199). Außerdem wurden Wandteppiche -
wie auch bei uns im Mittelalter — in vornehmen
Privathäusern, namentlich auf den
adeligen Herrensitzen und in den Wohnungen
der Geistlichen verwendet, und zwar nicht
immer als dauernder Behang, sondern öfter
als beziehungsvoller Schmuck bei festlichen
Gelegenheiten. Neue Tendenzen drangen im
16. Jahrhundert aus Flandern ein; der Einfluß
flandrischer Vorbilder ist unverkennbar
in den damals aufkommenden, mit Laub- und
Fruchtwerk gefüllten Borten, welche die Darstellungen
umgeben. Vom Ende des 17. Jahrhunderts
an erlahmte die Produktion. Der
Motivenkreis wurde enger, die Zeichnung
weniger sorgfältig, das Gewebe gröber und
nachlässiger. Aber noch immer bewahrten
die Teppiche als ihr unverwüstliches Eigentum
ihren flächenmäßigen Charakter und ihre
starke dekorative Wirkung.*)

Als das Museum begründet wurde, war die
Bildweberei mehr noch als die anderen Zweige
alten Hausfleißes im Absterben begriffen. Nur
einigen bejahrten Frauen in abseits gelegenen
Dörfern war die Technik erinnerlich; ausgeübt
wurde sie nicht mehr. Nur gemusterte
Decken wurden noch nach alter Weise

*) Eine Anzahl der schönsten Teppiche aus dem
Besitz des Kunstindustriemuseums zu Kristiania
gab H. Grosch 1889 in Farbendruck heraus. 1901
erschien eine Fortsetzung mit norwegischem und
deutschem Text im Verlage von E. Wasmuth in
Berlin.

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