http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_12_1905/0214
-S3^> DAS KUNSTINDUSTRIEMUSEUM IN KRISTIANIA <^=^
vereinzelt, namentlich in Hardanger und Umgegend
gewebt. Grosch erkannte, daß der
erste Schritt zur Erhaltung und Erneuerung
der halbverlorenen Webeverfahren im Sammeln
der alten Arbeiten und der etwa noch
vorhandenen mündlichen Ueberlieferungen
bestehen müsse. Nachdem so die alten Techniken
wiedergewonnen waren, wurde 1889
als Organ für ihre Wiedereinführung vom
Vorstand des Museums der „Verein für nationalen
textilen Hausfleiß" gegründet und ein
Jahr später mit dem Abhalten von Lehrkursen
für Weberei in den Landdistrikten begonnen.
Diese Kurse, die seitdem Jahr für Jahr in
den verschiedensten Teilen des Landes abgehalten
worden sind, waren begleitet von
lehrreichen Ausstellungen alter Webstühle,
Teppiche und Garnproben aus dem Besitz
des Museums. Bei der Unechtheit der modernen
chemischen Färbemittel erwies es sich
auch nötig, die alten soliden Farbstoffe und
die früheren Färbemethoden wieder aufzunehmen
. Der Vorstand entsandte daher
eine norwegische Dame, Frl. Kristiane Fri-
sak, um in den Dörfern die alten Färberezepte
zu sammeln, die sich noch, meist nur in mündlicher
Ueberlieferung, erhalten hatten. Die
Ergebnisse der Studienreisen Frl. Frisaks
sind niedergelegt in dem vom Museum veröffentlichten
„Norsk Farvebog", einem Büchlein
, das insofern auf die Hausweberei von
außerordentlichem Einfluß wurde, als es den
Hausfrauen Anleitung gab, die Färbemittel
selbst herzustellen und das Färben des Wollgarns
vorzunehmen.
Aber mit der Erneuerung der technischen
Verfahren und der Begründung einer neuen
Produktion war die Arbeit noch nicht getan.
Es ist bezeichnend für den praktischen Sinn,
mit welchem das Kunstindustriemuseum von
jeher geführt wurde, daß von vornherein auch
das wirtschaftliche Moment in Betracht gezogen
wurde. Man war sich über die bedeutenden
Werte klar, die gerade für Norwegen
in einem produktiven Hausfleiß enthalten
sind. Man wollte die ländliche Bevölkerung
wieder befähigen, nicht nur einen großen
Teil ihres Hausbedarfs an Geräten und Kleidungsstoffen
durch eigene Arbeit zu decken;
man wollte ihr auch in der Herstellung kunstvoller
Erzeugnisse einen einträglichen Nebenerwerb
schaffen. Und die Anreger sahen
eine moralische Pflicht darin, für den Absatz
der Arbeiten, deren Erzeugung man angeregt
hatte, zu sorgen. Diesen geschäftlichen
Aufgaben zu dienen, waren nach und nach
eine Reihe von Vereinen entstanden, die Verkaufsstellen
unterhielten und jährliche Verlosungen
veranstalteten. 1891 entschloß man
sich, die Sondervereine zu einer größeren
Einheit, dem „Norsk Husflidsforening" zu
verschmelzen. Einen dauernden Einfluß auf
die Leitung desselben wurde dem Museum
dadurch gesichert, daß bestimmungsgemäß
der Direktor und ein zweites Mitglied der
Verwaltung Sitz und Stimme im Vorstand
des Vereins erhielt. Mit dem Norwegischen
Hausfleißverein, der in dem stattlichen Neubau
an der Carl Johangade ausgedehnte Verkaufs
- und Verwaltungsräume erhielt, war
eine lebenskräftige Zentrale geschaffen, deren
Tätigkeit und Geschäftsbereich sich von Jahr
zu Jahr steigerte. Während der Umsatz des
ersten Jahres rund 24000 Kronen betrug, belief
er sich im Jahre 1903 auf 160000 Kronen.
Eine zwar weniger gewinnbringende, aber in
höherem Sinne verdienstvolle Einrichtung
begründete der Verein 1894 mitseiner Färberei,
in der die Wollgarne auf das sorgfältigste
lediglich mit Pflanzenfarben nach den alten
Rezepten gefärbt werden, und die seither Inland
und Ausland mit gutem und echtem
Material versehen hat.
Wie man sich in Bezug auf Technik und
HOLZGESCHNITZTE NORWEGISCHE TRUHE AUS DEM 14. JAHRHUNDERT (KUNSTINDUSTRIEMUSEUM ZU KRISTIANIA)
198
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_12_1905/0214