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^> DAS KUNSTINDUSTRIEMUSEUM IN KRISTIANIA <^=^
schlug, sondern sogar einem der ersten
Künstler Norwegens neue Ausdrucksmöglichkeiten
für seine Kunst bot.
Entsprechend der weitreichenden Bedeutung,
die von jeher die Hausarbeit in Norwegen gehabt
hat, mußte sich die Außenarbeit des
Kunstindustriemuseums in erster Linie auf
eine belebende und veredelnde Beeinflussung
dieses Gebietes erstrecken. Indes wurde
auch die Förderung der Facharbeit nicht vernachlässigt
. Um die Ausbildung der zierlichen
Technik des farbigen Drahtemails haben
sich die Vorstandsmitglieder, die Hofjuweliere
Oluf Tostrup (f 1882) und sein Geschäftsnachfolger
Torolf Prytz verdient gemacht.
Eine Reihe von Maßregeln der Museumsleitung
zielten auf eine bessere Schulung der
Möbelfabrikation ab. Erfreuliche Resultate
wurden ferner mit der Hebung der Bucharbeit
erreicht. Auf Anregung des Museums sind
die trefflichen Einbände in Ganzleder und
Handvergoldung entstanden, die der Buchbinder
H. M. Refsum in Kristiania ausgeführt
hat, und das Museum war Mitbegründer des
„Vereins für nordische Buchkunst", der seit
1900 bestrebt ist, künstlerische Kräfte zur Ausstattung
von Büchern heranzuziehen. Endlich
hat Direktor Grosch es trotz der ewigen Raumnot
im alten Museumsgebäude fertig gebracht,
eine Anzahl lehrreicher Ausstellungen zu veranstalten
, von modernen Plakaten, von künstlerischen
Buchumschlägen und Bucheinbänden,
von französischen Plaketten und Medaillen, von
moderner Keramik, von Kunstblättern und
Bilderbüchern für Kinder — Themata, die
enge Fühlung mit den allgemeinen Bestrebungen
der Neuzeit bekunden. Eine durchgreifende
Reformierung des norwegischen
Kunsthandwerks haben diese Anregungen
freilich nicht hervorbringen können. Die
angewandte Kunst in Norwegen befindet sich,
von einzelnen Anläufen abgesehen, in dem
bei uns fast überwundenen Stadium der
Schulung an überlieferten Stilformen. Mit
dem Zurückgreifen auf die kerngesunde alte
Bauernkunst und auf die flächigen und linearen
Formen der altnordischen Ornamentik
sind aber glücklicherweise nicht jene schädigenden
Einflüsse verbunden, die bei uns
das Kopieren zweckwidriger alter Stilformen
im Gefolge gehabt hat. Daher vollzieht
sich dort die Wendung zu künstlerischer
Freiheit nicht in gewaltsamem Umschwung,
sondern in allmählichem Uebergang. Der antiquarisch
-künstlerische Stil Gerhard Munthes
scheint berufen zu sein, den natürlichen und
gangbaren Weg zu bilden, der weiterführen
wird. Auf diesem Wege werden auch die
wichtigsten Zukunftsaufgaben der musealen
Propaganda liegen.
Unsere Umschau über das bisher von dem
Kunstindustriemuseum in Kristiania Geleistete
würde unvollständig sein, wenn wir nicht derjenigen
norwegischen Museen gedenken würden,
die teils auf Veranlassung, teils nach dem
Vorbilde des ersteren gegründet worden sind.
Unter ihnen widmen sich das „Norwegische
Volksmuseum" und das im Entstehen begriffene
„Stadtmuseum" in Kristiania vorwiegend
historischen Aufgaben, Die Kunstindustriemuseen
in Bergen (gegr. 1886) und
in Drontheim (gegr. 1893) werden aber nach
verwandten Grundsätzen geleitet wie das hauptstädtische
Museum. Sie sehen in dem Sammeln
von Kunstaltertümern nur einen Teil
ihrer Tätigkeit und beeifern sich, in ihren
Distrikten den Kunstfleiß, namentlich die
Weberei neu zu beleben. Die Mittel, die
hierfür angewendet werden, sind dieselben,
mit denen Grosch und seine Helfer mit
echt norwegischer Ausdauer, mit nationalem
Sinn und resolutem Zugreifen es verstanden
haben, die Kunst ins Volk zu tragen.
F. DF.NEKEN
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