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VOGELER
i ZIERAT
i
EINRICH VOGELER
ist kein Stürmer und
Dränger. Was er gibt,
gibt er mit dem feinen
Lächeln eines verträumten
Naturkindes,
das die Sprachen der
Vögel versteht und der Bäume, der
Wolken und Quellen, der Blumen und
Schmetterlinge. Er lebt äußerlich nicht
in unserer Zeit, obgleich sein Empfinden
durchaus modern ist. ^
Zu jenen Künstlern gehört er, die im
Rückwärtsschauen vorwärts schreiten.
Einige unserer Größten zählen zu ihnen.
Das Gewoge des Tages ist ihm fremd;
er steht nicht in den Reihen der Kämpfer,
die um neue Götter streiten. Und wäre
es die güldene Rüstung Siegfrieds und
das Schwert Balmung, er könnte beides
nicht gebrauchen. Zu den Spielmännern
gehört er, nicht zu den Rittern.
Im Leibrock kommt er daher, andächtig,
beschaulich. Altväterisch nennt man
so gern sein Wesen, altväterisch wohl
auch seine Kunst. Und dennoch schafft
auch er neue Werte, lebt auch er eine
neue Weltanschauung. ^
Abseits von der großen Straße lebt er, abseits
schafft er, abseits steht seine Kunst.
Und er ist so beliebt? ^
Es gibt Künstler, deren Werke sind
voll glutenden Lebens, andere gibt es, die
die herbe Schönheit lieben, andere endlich
, die haben eine stille Süße in ihren
Bildern, wie Blumen in ihren Kelchen.
Auch Heinrich Vogeler gibt Honig,
jenen Honig, der ist wie süßer Rosenduft
, wie heimliches Küssen in sommerlicher
Luft, wie Nachtigallensingen. Und
um dieser Süße willen lieben so viele
seine Kunst. ^
Er hat Jens Peter Jacobsens Werke
illustriert. Ich kann mir kein innigeres
Verhältnis denken. Hier fand sich der
lyrische Zeichner zum lyrischen Dichter,
und wenn Jacobsen sagt: „Hier sollten
Rosen stehen", so ist Vogelers Zeichenfeder
wie berufen, sie erblühen zu
lassen. ^
Dekorative Kunst. VIII. 5. Februar 1905.
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