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BRUNO PAUL
ENTWURF FÜR EIN HERRENZIMMER (vgl. S. 218—222)
BRUNO PAUL BIEDERMEIER EMPIRE
Die Geschichte der Gewohnheiten in allen
Sachen des Geschmackes bildet zum
Teile den Inhalt jeder Geschichte des Geistes,
jeder Kulturgeschichte, die sich nicht mit den
Taten und Werken der geistigen Führer und
Vorkämpfer allein befaßt. Denn für diese
allein gilt nicht das Gesetz der geistigen
Trägheit, dem die ganze Masse des Volkes,
verschieden nur in den Geschwindigkeiten
und Kurven, unterworfen ist.
Die Gewohnheit spielt deshalb in der Geschichte
des Geschmackes wohl auch einige
ganz erfreuliche Rollen, die wenigstens die
Zwischenakte der fortschreitenden künstlerischen
Handlung angenehm ausfüllen: Familien
, die Generationen hindurch sich einer
gewissen Wohlhabenheit erfreuen, die in Räumen
, in Häusern, in einer Umgebung zu leben
gewöhnt sind, die immer der wirtschaftlichen
Gediegenheit, den erhöhten und verfeinerten
Lebensansprüchen Ausdruck gaben, die Familien
also der vererbten Aristokratie, des bürgerlichen
Patriziats zeigten und zeigen sich immer
noch häufig als Vertreter geläuterten Geschmacks
in einem bestimmt begrenzten Sinne.
Die durch Generationen gefestigte, aber eher
gleichmäßige, wirtschaftliche Haltung, die Gewöhnung
an eine Wohlhabenheit, die nach
außen weniger zu dokumentieren war, hat es
mit sich gebracht, daß in der Aristokratie im
allgemeinen mehr Geschmack für wohnliche
Einrichtung vorhanden ist, als in jenen Kreisen,
deren aufeinanderfolgende Geschlechter ein
wirtschaftliches und gesellschaftliches Auf und
Ab durchmachen. Wenn schließlich alle Stile
die Charakteristika des vornehmen Hauses
ausgeprägt zu zeigen vermochten, so ist es
doch nicht zufällig, daß noch jetzt das Empire
und seine Vor- und Nachklänge besonders
fähig erachtet wurde, Räumen aristokratisches
Gepräge zu geben.
Tatsächlich entspricht das Kühle, Ruhige
des Tones, auf den fast alle Empireräume
gestimmt sind, sehr dem gesellschaftlich reservierten
, gemessenen Tone jener Kreise.
Wählerische, prägnante Akuratesse kommt
leichter im Empire als im Rokoko und Barock
zum Ausdruck.
Die Vorliebe jener vielfach maßgeblichen
Kreise für den letzten schlichten Stil ist also
verständlich und verzeihlich, wenn wir auch
in dem blinden Glauben an diesen Stil nur
eine — allerdings schöne Gewohnheit
erkennen, selbst wenn die Freude an solchen
Dekorative Kunst. VIII. 6. März [905,
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