http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_12_1905/0288
IX. INTERNAT. KUNSTAUSSTELLUNG IM MÜNCHENER GLASPALAST
im Räume der Sezession fallen auf: J. Engel-
hart's lebendige „Wiener Redoutenszene",
Andri's in ihrer Art glänzend gegebene
Gruppe slowakischer Gemüsehändler, Rudolf
Jettmar's großempfundene „Abendlandschaft"
und andere Landschaften von E. Stöhr und
Anton Nowak. Auch im Saal der Böhmen
ist manche fesselnde und moderne Arbeit.
Franz Kupka zeigt in seiner farbenprächtigen
Phantasieszene „Die Freude" Humor und
starkes, sinnenfrohesTemperament, der feinere
Jan Preisler in „Frühling" und „Märchen"
Poesie und Stilgefühl. Die beiden gehören
zu den ausgesprochensten Persönlichkeiten
der ganzen Oesterreichergruppe.
cuno am i et pracht des abends
IX. Internationale Kunstausstellung in München
GEDANKEN ÜBER KUNST
Sieht man genauer hin bei gewissen zeitgenössischen
Bildern, deren Wert wenigstens als Versuch
ernsthafter ist, als man oft glaubt, so findet man,
daß unter den Organen, deren der Geist sich bedient,
die Hand nicht mehr zählt. Wer nach neuester
Mode arbeitet, der füllt eine Form mit Farbe aus.
Welches Werkzeuges er sich hierzu bedient, ist gleichgültig
. Wie der Vorgang zustande kommt, ist ohne
Belang; wenn er nur zustande kommt; und sehr
zu unrecht glaubt man, daß dem gegebenen Gedanken
so gut das eine wie das andere Instrument
dienen kann. Gegen solche Sinnlosigkeit erheben
alle die guten, d. h. fein empfindenden Maler von
Flandern und Holland von vornherein durch die
ihnen eigene Technik in nachdrucksvollster Weise
Protest. Und gegen den gleichen Irrtum protestiert
auch Rubens, und er mit einer Autorität, die sich
vielleicht mit größerem Nachdruck zur Geltung bringen
wird. Man nehme den Rubensschen Bildern die
geistvolle Sprache und die Eigenheit, die aus jedem
Pinselstrich uns entgegentreten, und man nimmt ihnen
ein Wort, das trägt, einen notwendigen Accent, ein
charakteristisches Merkmal, man nimmt ihnen vielleicht
das einzige Element, das imstande ist, so viel
Materie zu durchgeistigen; denn es ist die sinnliche
Fülle der Empfindung, die damit erstickt, und -
geht man von der Wirkung zurück auf die wirkende
Ursache - - das Leben, das ertötet wird. Man hat
ein Bild in Händen, dem die Seele fehlt und ich
möchte beinahe sagen, daß ein einziger Pinselstrich
weniger schon einen wesentlichen Zug des Künstlers
verschwinden läßt. Fromentin
574
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_12_1905/0288