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-^£> DAS EINRAHMEN UND HÄNGEN DER BILDER <i^=v-
der rechts und links vom Fenster liegenden
Wände, und dann von da bis zur Zimmerecke
der Visavis-Wand.
Wie der Rahmen den Einschnitt in die
Wand darstellt, durch welchen hindurch man
das Bild sieht, so wird auch das Bild am
besten wirken, wenn es so hängt, als ob man
Wirklichkeit sähe, nämlich mit seinem Horizont
in Augenhöhe. Der Horizont eines
Bildes ist ziemlich leicht festzustellen. Es
ist derselbe, den die Wirklichkeit hat, nämlich
die Stelle, an der Himmel und Erde sich berühren
. An der See oder bei Seebildern ist
diese Grenze eine horizontale Linie, die
Horizontlinie. Bei Interieurs oder bei Architektur
, wobei der eigentliche Horizont verdeckt
ist, wird die Horizontlinie, also der
Horizont des Bildes, da gefunden, wo eine
nach oben oder nach unten gerichtete Fläche
dem Auge als Linie erscheint oder erscheinen
würde. Ein in ganzer Höhe des Zimmers
angebrachtes Regal bietet unterhalb der Augenhöhe
eine Aufsicht auf die Bretter und oberhalb
eine Untersicht, das gerade in Augenhöhe
befindliche Brett erscheint als Strich.
Das Eigentümliche des Horizontes ist, daß
er sich immer in Augenhöhe befindet. Legt
man sich an den Strand, so erscheint die
See als schmaler Streifen, der Himmel fängt
schon ebenso niedrig an, als sich unser Auge
befindet. Steigt man auf einen Turm, so
wird man finden, daß sich mit jeder Stufe
der Horizont gleichmäßig mit uns erhebt, und
oben ist wieder der Horizont der Grenzstrich
zwischen Himmel und Erde in Höhe unserer
Augen. Daher ist die Erscheinung der Erde,
wie sie Jules Verne bei einer abenteuerlichen
Ballonfahrt schildert, nämlich nicht als Kugel,
sondern als ungeheure Vertiefung mit einem
nach oben gerichteten Rand, ganz richtig,
weil sich der Horizont immer in Augenhöhe
befindet. Das Bild ist die Wiedergabe der
Wirklichkeit, also erscheint der Horizont darauf
so hoch, als sich die Augen des Malers
befunden haben. Wird das Bild nun so gehängt
, daß das Auge des Beschauers in derselben
Höhe ist wie der Horizont auf dem
Bilde, so hängt es richtig. Das ist nun nicht
immer durchzuführen, wohl aber läßt sich
leicht beachten, daß ein Bild mit niedrigem
Horizont hoch gehängt wird, und ein Bild
mit hohem, z. B. eine Landschaft vom Berge
aus gesehen, tief, denn darauf sieht das Auge
herunter. Gewöhnlich findet man's umgekehrt.
Das Zusammenstellen einer Bilderwand ist
Sache des persönlichen Geschmacks, beobachtet
man dabei aber kleine Regeln, so wird
ebenso die Gesamtheit der Bilder wie jedes
Bild einzeln für sich gut zur Geltung
kommen. Tiefer als etwa 1 m vom Fuß-
JAN HOYNCKVAN PAPENDRECHT
SÄCHSISCHE GARDEREITER
IX. Internationale Kunstausstellung in München
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