Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 12. Band.1905
Seite: 338
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30SEBR

57TCCLER5 HIBEDUNG6
üon Gustau Kühl

enn wir uns fragen,
welche Eigentümlichkeit
das moderne
Buch, soweit es ein
Erzeugnis der Buch-
drucker/cuns^ ist, von
den Büchern des

jüngstvergangenen
Menschenalters unterscheidet
, und welches
das gemeinsame

Ziel ist, nach dem die mannigfachen Einzelbemühungen
der Schrift- und Buchkunst in
den letzten Jahren strebten, so ist die Antwort
bald gegeben: ein geschlossenes und
energisches Satzbild. Dies war es, was seinerzeit
schon die Münchener Renaissancebewegung
um 1880 an den alten Inkunabeldrucken
entdeckte, und was noch unablässig
an ihnen gepriesen wird; dies, was die Kritik
an den Druckwerken des ausgehenden 1 O.Jahrhunderts
vermißte. Man entdeckte nämlich
hier, und namentlich im Fraktursatz mit seiner
schmalen Schrift und den breiten Ausschlüssen,
eine empfindliche Zerrissenheit und Flauheit;
die feinen und dünnen Buchstaben ergaben
eher ein graues als schwarzes Gesamtbild,
dessen Spiegel sich von dem weißen Blatte
nur unscharf und unsicher abhob. Darum
wurden stärkere Typen geschnitten, größere
Schriftgrade wurden bevorzugt, und die Zeilen
eng aneinandergerückt, wie dies in den Drucken
des 15. und 16. Jahrhunderts der Fall ist.
Alles Weiß innerhalb des Satzes war direkt
verpönt; nicht einmal sachlich begründete
Lücken und Absätze wurden geduldet, und
allerhand Schnörkelchen, oft von wunderlichster
Form, mußten bald schwarz bald farbig
die defekten Zeilen „füllen". Wie die Schrift
sollte dann auch die Illustration einen festen
Körper bilden und sich am liebsten mit jener
zu einem solchen zusammenschließen. Das
tonige Bild, die leichte Skizze, die mitten im
weißen Räume schwimmt, verschwand, die
flächige, deutlich umrahmte Zeichnung trat
an die Stelle, und der unlängst erfundene
Zinkdruck gab in weit höherem Grade als
der alte Holzschnitt die Möglichkeit eines
energischen Schwarz. Endlich fügt man wohl
noch eine ornamentierte Leiste hinzu, die
den Satzkörper knapp umschließt oder wenigstens
einzelne seiner Kanten stützt. Je fester
aber der Satz umgrenzt ist, desto weniger
Bedeutung hat die Buchseite, das Papierblatt
als solches und sein weißer Rand; er wird
unbeschnitten und möglichst breit gelassen,
der Spiegel stark aus der Mitte nach innen
und oben gerückt, so daß das Buch oft beinahe
einen provisorischen Eindruck macht; das
ungebundene Buch wird bevorzugt.

So kommt das Ideal der modernen Buchseite
zustande: von einem gleichgültigen, verfließenden
Papierrande umgeben ein fest komprimiertes
schwarzes Rechteck, der eine, einheitliche
Satzkörper. Von den Morrisdrucken
bis zur Festschrift der K. K. Hof- und Staatsdruckerei
in Wien: stets dieselbe Tendenz,
das Schriftbild in sich zusammenzudrängen
und als derben viereckigen Block in die
Fläche des Papiers einzulassen, wie in den
alten Inkunabeldrucken.

nd nun schlagen wir
Sattlers Nibelungen
auf. Wie sonderbar! Ist
das der Künstler, der
durch zahllose Zeichnungen
das Verständnis
und den Geschmack für
die Kultur des 16. Jahrhunderts
hat heben helfen
, der eigentlich in der

Wiegenzeit des Buchdrucks lebt und webt?
Keine Erinnerung hier an Gutenberg und
seine Schule und der klarste Gegensatz,
fast wie ein Protest, gegen die moderne
Theorie vom geschlossenen Satz. Die Seite
ist nicht schwarz, sondern weiß. Nicht eng
zusammengedrängte Buchstabenzeilen sind
das erste, was das Auge erblickt, sondern
eine große Fläche des schönsten, gelblich
getönten Büttenpapiers, dessen Ränder, ob-
zwar unbeschnitten, ein klar begrenztes Rechteck
bilden. Ueber diese Fläche in freier
Ordnung hingelegt die Zeilen vierreihiger
Strophen, links gleichmäßig beginnend, nach
rechts ungleich weit verlaufend, so daß die
linke Kante die verschobene Achse des Bildes
darstellt wie bei einer Windfahne, diese
Achse aber noch wieder gestört durch zwei
dunkle viereckige Initialen, die an beliebiger
Stelle angebracht zur Hälfte über die Kante

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