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JOSEPH SATTLERS NIBELUNGE
das eigentliche Titelblatt, zeigt dann in einem
Umrißbilde die beiden Hauptmotive der Dichtung
in Eins verwebt: Krimhild und Hagen, ein
lichter und ein trüber Akkord, der letztere nur
wie ein lauernder Wolkenzug dem hellen beigesellt
, den er zu ersticken droht. Dann sieht
man auf der ersten Textseite als Krönung
eine Leier, zwischen deren Saiten hindurch
das Rheintal mit seinen Bergen und Burgen
sichtbar ist — das Lied beginnt. Jeder einzelne
Gesang wird durch ein kleineres dekoratives
Bild mit der Nummer eingeleitet,
meist ein Rund oder ein anderer geometrischer
Rahmen. Eine zweite Leier, von zwei Kuhhörnern
gebildet, schmückt das Vorbild des
zweiten Teils; sie aber umrahmt die Ansicht
einer exotisch-primitiven Felsenburg, den
fernen Ezelpalast, den Schauplatz des niedergehenden
Teils der Tragödie.
as bloße1 Blättern tut
es auch noch nicht,
man muß lesen.
Man muß in Ruhe
und Muße das gesamte
große Gedicht
an sich vorübergehen
lassen. Erst dann
wird man die vielen
Dekorationsstücke
im Text verstehen:
fühlen, wie ihre Farben die Stimmung der
jeweiligen Situation verstärken und vertiefen,
merken, was durch ihren Inhalt gesagt oder
angedeutet ist. Ich erinnere an den Pagen
mit dem Licht und an den Kopf des Hunnen,
der den Geruch brutzelnden Menschenfleisches
aus dem brennenden Saal in seine
krause Nase zieht. Manche Themata treten
gleich Leitmotiven wiederholentlich auf, echt
episch die Ereignisse vorwegnehmend und
repetierend. So das Lindenblatt, das Siegfrieds
Verwundung ermöglicht, so der Schlüssel
als Zeichen des Hortes, so der Tod in
seinen verschiedenen Gestalten; einer der
gramvollen Initialköpfe, von denen ich sprach,
zeigt sich schon, als Mutter Siglinde weint,
da ihr Sohn zu den Burgunden reisen will.
Und der Traum Krimhildens vom Falken und
den zwei Adlern, mit dem das Epos beginnt,
und von dem später nicht wieder die Rede
ist, wird bei Sattler in dem Bilde, wo
Krimhild das Kreuz auf sein Hemde näht,
wieder aufgenommen er steckt im Säulen-
kapitäl ihrer Kemnate — und bildet außerdem
das Schlußstück nach dem Tode Siegfrieds,
so daß sich erst hierdurch der erste Teil der
Dichtung kompositionell abrundet.
tu
ur beim Lesen kann man
endlich auch den großen
Vollbildern Sattlers
gerecht werden. Diese
Bilder sind augenscheinlich
die Schmerzenskin-
derin seinem Werke und
zu einem Teile, sagen
wir es rund heraus, mißglückt
. Ich habe sogar
die Meinung aussprechen hören, sie gehörten
nicht hinein, sie störten nur, es sei eine konventionelle
Idee, solche bunten Vollseiten überhaupt
zu bringen. Das ist meine Ansicht nicht.
Wenn man im zweiten Gesänge den Kampf
zwischen denBurgunden undSachsenzurHälfce
gelesen, den Sieg Siegfrieds über den einen
der beiden feindlichen Könige Liudgast erlebt
hat, wenn dann plötzlich beim Umschlagen das
monumentale Profilbild des Helden in Harnisch
und Schild in heroischer Ruhe und Unbedingt-
heit erscheint, dann wird es einem erst klar
und natürlich, warum Liudger sich in der
nun folgenden Szene streitlos ergibt, sobald
er Siegfrieds Wappenschild zu Gesicht bekommen
hat. Und so überall. Es ist eine
epische Größe in diesen mächtigen, farben-
und formenstrengen Bildern, vor der die Bedenken
gegen die Ausführung des einzelnen
zunächst verstummen müssen. Das deutsche
Volk ist nicht eigentlich episch veranlagt,
wenigstens hat es sich seit einem halben
Jahrtausend kaum mehr von dieser Seite gezeigt
; analog fehlt ihm in der bildenden Kunst
die Begabung für das Fresko. Seit Dürers
Allerheiligenbild ist nichts mehr von ähnlichem
Charakter bei uns geleistet; erst das
19. Jahrhundert hat nach Carstens' Vorgang,
doch immer in Anlehnung an alte Vorbilder,
eine Art romantisches Fresko geschaffen:
Cornelius und die Nazarener, Rethel und
Schwind. Hier in Sattlers Bildern zum
Nibelungenlied, wie auch schon in einzelnen
Blättern aus dem „Totentanz" und der „Harmonie
", sind die Ansätze zu einer modernen
deutschen Freskokunst zu sehen — sie stehen
insofern in einer Linie mit Thomas Lithographien
, mit Klingers Gemälden und den
Bildern von Hodler. Gewiß, es ist manches
unvollkommen. Die Zeichnung befriedigt
nicht immer; ich gebe das Bild von
Siegfrieds Tod ohne weiteres preis. Ich weiß
auch, daß kaum eines unter allen farbig
ganz befriedigt; das liegt aber nicht am Entwürfe
des Künstlers, sondern an einem Mißgriffe
bei der Reproduktion, worüber gleich
noch ein Wort. Ueber eine gewisse Leere
in der Komposition indessen, über Starrheit
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