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hat dies vermocht. Er führte seinen Mitbürgern
in zahlreichen, wohlgewählten Ausstellungen
vor, was skandinavische, französische
, niederländische Künstler schaffen, und
wie diesem Schaffen ein großer einigender
Gedanke zugrunde liegt; er führte instruktive
Entwicklungsreihen vor in einer ,,Farbenschau
" betitelten Ausstellung; bei anderer
Gelegenheit fand die Buchkunst in allen
Zweigen ihre eingehendste Würdigung, kurzum
, es wurde nichts unterlassen, was die
Schaffenden anregen, weiten Kreisen Aufschluß
über das Wesen der angewandten
Kunst geben konnte, immer aber — und das
ist wesentlich — war es eine zusammenhängende
Sache, nicht bloß ein Aneinanderreihen
vereinzelter Leistungen. München sieht
dergleichen Veranstaltungen, die stets einen
Impuls mit sich bringen, nie, fehlt doch bis
zur Stunde überhaupt die Gelegenheit, in zentraler
Stadtlage ähnliches zu unternehmen.
Der Erfolg hat in Krefeld dazu geführt, daß
heute eine ganze Reihe von praktisch arbeitenden
Künstlern dort ansässig sind —■ und
ihr Fortkommen finden, trotz des riesigen
Aufschwunges, den das nahe gelegene Düsseldorf
gerade auf dem Gebiete der angewandten
Kunst genommen hat. Diese Tatsachen beweisen
, was sich alles erreichen läßt, wenn
der Wille zum Erfassen der zeitlichen Notwendigkeiten
vorhanden ist und man Kursänderungen
nicht scheut, sobald sie sich als
unumgängliche Forderungen erweisen. Freilich
ist es ja nicht leicht, da gerade die Lebenskraft
dauernd frisch sich zu bewahren und
weiter auszubilden, neuen Aufgaben anzupassen
, wo der Erfolg eine Zeitlang auch
ohne straffe Anspannung sich einstellt. Das
ist bei München tatsächlich der Fall gewesen,
nicht zu seinen Gunsten. Wo dagegen eine
frische Truppe voll Wagemut sich anschickt,
Boden zu erobern, da treten andere Umstände
zu deren Gunsten ein. Warum steht
z.B. die Buchkunst in den Vereinigten Staaten
heute so hoch? Weil dort keine Periode der
„Prachtwerke", dieser greulichen Geschmacks-
verderber,zu überwinden war,wogegenDeutsch-
land noch gegenwärtig unter den Nachwirkungen
dieser Schreckensperiode leidet und
die wirklich gute Buchkunst nur allmählich
sich emporringt.
München verdankt seinem Vorgehen zu
einer Zeit, wo andere schliefen, viel; es hat
aber das Erwachen der anderen viel-
fach übersehen und muß nun erfahren,
was für Wirkungen das gemächliche Ausruhen
auf goldenem Lorbeer mit sich bringt.
Der Rahmen, innerhalb dessen sich die Ausstellungen
von 1876 und 1888 abspielten, hat
eine wesentliche Erweiterung erfahren. Es
handelt sich heute in der angewandten Kunst
nicht mehr um die möglichst ausgiebige Vorführung
von Einzelleistungen, bei Ausstellungen
auch nicht mehr um ein in sich zusammenhangloses
Aneinanderreihen von zimmerartig
ausgestatteten Kojen, von denen jede
ein Ding für sich ist, sondern um die höher
stehenden Probleme der Raumkunst einerseits
— wie Muthesius in längerer Ausführung
in dieser Zeitschrift dargetan hat*) — oder um
die Betätigung einer auf breiter Basis für den
Export arbeitenden Kunstindustrie. Beide
bringen aber Forderungen mit sich: Unterstützung
in jeder Weise, vor allem durch
Aufträge umfangreicher Art. Für die Dresdner
Ausstellung sind seitens der Stadt 50 000 M.
bewilligt, eine ebenso große Summe seitens
des Staates, und aus Privatmitteln wurde ein
Garantiefond von 150 000 M. aufgebracht.
Ziffern sprechen deutlicher als alles übrige.
Das dürfte man auch in München beherzigen !
In Köln a. Rh. sollen zur Ausführung der
nötigen Arbeiten für eine Kunstausstellung
großen Stils binnen kurzem 500 000 M. gezeichnet
worden sein.
Für München handelt es sich heute nicht
bloß um das Behaupten künstlerisch-ideeller
Dinge, sondern um ein Aufhalten des allgemeinen
materiellen Rückganges, wie er durch
eine Reihe von Gründern und Gründerjahren
in erschreckendem Maßstabe eingetreten ist.
Materielle Verluste, wie sie München zu verzeichnen
hat, müßten eigentlich bei sonst gesunden
Verhältnissen ein Zusammenraffen
aller Kräfte nach sich ziehen. Bei elastischen
Naturen erlebt man es ja, daß auf Perioden
des Rückganges solche einer erneuten Kraftäußerung
folgen. Eine Kraftäußerung wird
nun die Ausstellung der „Vereinigung für angewandte
Kunst" sein, denn sie hatte, weil
der Rahmen der bisherigen Ausstellungsweise
verlassen worden ist, mit Schwierigkeiten
allerernstester Natur zu kämpfen, welche
das ganze Unternehmen wiederholt in Frage
stellten. Entspricht sie quantitativ auch dem
nicht, was man von München voraussetzen
durfte, so wird dieser Umstand durch die
Qualität ausgeglichen werden. Darin aber
liegt ein unbestreitbarer Vorteil. Die Anregung
zum Aufschwünge anderer Kunstgewerbezentren
hat in bezug auf die Qualitätsleistung
sehr verschieden gewirkt; manchenorts
hat sich unter der gefälschten Bezeich-
*) Vgl. Februar- und Märzheft 1905: Der Weg
und das Endziel des Kunstgewerbes.
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