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-^r^> ÜBER SCHWARZ-WEISS-KUNST AUF AUSSTELLUNGEN 1905 <^^~
Solche reinlichen Scheidungen
können dem Ansehen
der Kunst nur förderlich
sein, indem dadurch die
Gleichberechtigung der verschiedenen
künstlerischen
Techniken sinnfällig gemacht
und dem Publikum
wieder Respekt vor dem
Echten und der Originalarbeit
beigebracht wird. Ganz
gewiß haben die verschiedenen
graphischen Techniken
durch die scheinbare
Beschränkung nur gewonnen
. Die Aeußerungen der
Künstler in dieser oder
jener sind nicht nur mannigfaltiger
, sondern auch
geistreicher geworden. Man
wünscht dem Publikum auf
jede Weise zum Bewußtsein
zu bringen, daß etwas
Unabhängiges, Selbständiges
beabsichtigt wurde, daß
jede Technik ihren besonderen
Reiz habe, der den
anderen mangelt. Dabei
gehen die Anregungen von
Land zu Land. Es gibt keinen
großen ausländischen
Graphiker, von dem die deutschen
Zeichner, Radierer,
Holzschneider und Lithographen
nicht gelernt hätten und zwar sehr zu
ihrem Vorteil. Die deutsche Graphik kann es
heute mit jeder fremden aufnehmen und hat
dennoch ihren besonderen Charakter. Das beste
Zeugnis dafür, daß die lauten Klagen gewisser
Leute über die Vernichtung der deutschen Malweise
durch die französische einfach lächerlich
sind. Bei den graphischen Künsten liegt der
Erfolg davon, daß die Ausübenden sich eifrig
darum kümmern, was und wie anderwärts
geschaffen wird, so klar auf der Hand, daß
es niemand beikommt, die Künstler darum
zu tadeln oder sie zu beschwören, allein von
den privilegierten deutschen Meistern zu lernen.
Wo wäre die deutsche Graphik, wenn Schwind
und Richter oder Thoma und Steinhausen
ihre einzigen Vorbilder geblieben wären?
Der Künstler darf sein Gutes nehmen, wo
er es findet, wenn er's nur auf den Ton
seines Wesens zu stimmen weiß. Ist die
Kunst Th. Th. Heines darum englisch geworden,
weil einst Beardsley auf sie gewirkt? Oder
hat der Einfluß Steinlens auf manche
Illustratoren der „Jugend" deren Arbeiten
IMRE REVESZ
IX
IN DER SCHENKE (KOHLEZEICHNUNG)
Internationale Kunstausstellung München 1905
einen französischen Charakter gegeben? Oft
genug haben sich Individualitäten erst an
solchen fremden Vorbildern entzündet. Es
ist gar nicht auszurechnen, wieviel die besten
deutschen Zeichner den Willette, Forain,
Lautrec, Caran d'Ache oder Anning Bell,
Phil. May, Walter Crane verdanken. Uebri-
gens ist es zweifellos leichter, als Zeichner
individuell zu wirken, denn als Maler, weil
in der Malerei die Tradition befestigter ist
und gewisse Forderungen nicht außer acht
gelassen werden dürfen. Ein graphisches
Kunstwerk ist gut, wenn zwei Bedingungen
erfüllt sind: Eine künstlerische Fleckenwirkung
und eine künstlerische Linienführung,
oder auch nur eines von beiden. Alles übrige
ist dem Künstler überlassen: Die Art der
Anschauung sowohl als auch die Art der
Darstellung. Die hier gegebene Freiheit ist
so groß, daß eine Schwarz-Weiß-Ausstellung
unendlich viel abwechslungsreicher ist oder
doch sein kann als die gewählteste Gemäldeausstellung
. Mit Recht gewährt man daher
neuerdings den graphischen Künsten in allen
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