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AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS
Pver Beginn der herbstlichen Berliner Kunstsai-
*-* son sieht zum Teil aus wie eine Demonstration
gegen Meier-Gräfe. Schulte bringt eine Böcklin-,
der wieder ins Berliner Kunstleben eingreifende
Salon Fritz Gurlitt eine Thoma-Ausstellung. So
wenig diese Vorführungen die Meinungen der ernsthaften
Leute beeinflussen werden und können
für das große Publikum haben sie unter den gegebenen
Umständen den immer wirksamen Reiz der
Aktualität. Der eigentliche Gewinn liegt freilich
darin, daß den Kunstfreunden eine Anzahl von
Werken gezeigt werden, die hier völlig oder doch
so gut wie unbekannt sind. Im übrigen liefern
beide Vorführungen Meier-Gräfe nicht weniger Beweismaterial
für seine Behauptungen als den Gegnern
seiner Ansichten für ihre Entrüstung über
diese. Es läßt sich also annehmen, daß dieser
von beiden Seiten mit zu großer Voreingenommenheit
geführte Streit durch die Ausstellungen nur
neuen Stoff, aber keinen Abschluß erhalten wird.
In Ed. Schuttes Salon sind die Schätze der reichsten
privaten Böcklinsammlung ausgestellt, nämlich
die Bilder aus der Galerie des Freiherrn M. von
Heyl-Darmstadt. Wenn dieser auch nicht den Ruhm
beanspruchen kann, als Förderer des einzigen Künstlers
genannt zu werden, so verdient doch sein
sicherer Blick für die Bedeutung des Meisters Anerkennung
. Als Herr von Heyl diese Bilder erwarb,
gehörte noch sehr viel eigene Ueberzeugung dazu,
sie für die Werke eines großen Künstlers zu halten.
Dieser feine Instinkt für das Außerordentliche ist
in Deutschland zu selten, als daß man Herrn von
Heyl nicht als leuchtendes Beispiel für alle Sammler
von zeitgenössischen Kunstwerken hinstellen
müßte. Daß sein Besitz nicht aus lauter Haupt-
und Meisterwerken besteht, darf ihm nicht zum
Vorwurf gemacht werden. Er nahm eben, was gerade
erhältlich war, außerdem sind auch die minderwertigen
Schöpfungen Böcklins heute Kostbarkeiten.
Der Wert der Sammlung beruht indessen nicht im
letzten Grunde darin, daß sie Werke aus den wichtigsten
Schaffensperioden des Künstlers enthält.
Sie zeigt Böcklin mit 21 Werken (17 Gemälden,
3 Aquarellen, 1 Kohlezeichnung) aus den Jahren 1864
bis 1888. Für die historische Betrachtung hat natürlich
jede einzelne Leistung ihren besonderen Wert,
vom künstlerischen Standpunkt aus wird man allerdings
stark unterscheiden müssen. Die große Künstlerschaft
Böcklins äußert sich in der »Italienischen
Villa im Frühling« (1875-80), in dem Bilde >Am
Quell« (1879), in der »Frühlingsstimmung« (1874)
und in dem »Sturm am Meer« (1877—79) wohl am
sinnfälligsten. Einige Werke, wie das als Malerei
völlig verquälte »Selbstbildnis« (Ende der siebziger
Jahre) oder das steife hölzerne > Adagio« (1873) geben
fast nur die Schwächen des Malers. Andere, wie die
>Idylle« (1875) mit dem zwischen zwei ruinenhaften
Säulen stehenden, flötenden Pan, die »Hochzeitsreise
« (1875), »Sieh, es lacht die Au!« (1887) und
»Die Heimkehr« (1888) sind zwar sehr charakteristisch
für des Künstlers Art, haben aber neben
großen Schönheiten auch erhebliche Mängel. Wieder
andere, wie die »Vestalin« und der süßliche »Liebesfrühling
«, den bis auf den entzückenden Puttenreigen
auch irgend ein englischer Publikumskünstler
gemalt haben könnte, sagen wenig Gutes von Böcklin.
Die »Geburt der Venus« (1869) erreicht die bekanntere
kleinere Fassung weder an Kraft des Ausdrucks,
noch an Reiz der Farbe; aber sie ist bemerkenswert
durch die für jene Zeit ungewöhnliche Helligkeit
der Farbe und eine durch Lufttöne erreichte
Harmonie, während die 1872 enstandene, formal
maximilian dasio
IX. Internationale Kunstausstellung München 1905
die sünde (lithographie)
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