Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 67
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-^4^> AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS <§^-

und kompositionell so bewundernswerte »Eu-
terpe mit Hirschkuh« durch ein zu prächtig
rotes Gewand um jeden inneren malerischen
Zusammenhang gekommen ist. Ein Fehler,
der in den Reproduktionen des Bildes freilich
nicht bemerkt wird. Die »Villa am Meer« ist
interessant als Ueberleitung zu den verschiedenen
»Ruinen am Meer«, also für Böcklins
Art, ein Thema aus dem anderen zu entwickeln
. Der Heyische »Prometheus« darf
wohl als die schwächste Fassung des großartigen
Bildes angesprochen werden. Immerhin
ist diese Sammlung Böcklinscher Schöpfungen
im hohen Grade geeignet, das Genie
des Meisters ins rechte Licht zu stellen.
Schulte hat die Wichtigkeit der Vorführung
den Besuchern dadurch noch besonders zu Ge-
müte zu führen gesucht, daß er den Vorraum
zu seinem Oberlichtsaal durch Messel
mit einer weihevollen Dekoration versehen
ließ. Weniger erfreulich als diese Böcklin-
Ausstellung wirkt die hier vorhandene Kollektion
neuer Bilder des Zügelschülers Eugen
Wolff. Welch ein wüstes Darauflosmalen!
Eine gewisse flotte Manier, aber nicht die
geringste Feinheit. Natureindrücke ohne Naturgefühl
. Eine Malweise, die ihren Charakter
von irgendwoher, nur nicht vom Gegenstande
empfängt, und bei der die fehlende koloristische
Empfindung durch eine gemachte Farbigkeit
ersetzt erscheint. Da wird ein als Ahnengalerie
dienender Korridor, durch dessen
Fenster die Sonne scheint, mit derselben
dicken und zähen Farbe gemalt wie ein Herbstwald
. Da hat eine holländische Gracht den
gleichen Licht- und Luftcharakter wie eine
blühende Wiese. Da ist eine Schneefläche
nicht übel dargestellt, aber die kahlen Bäume,
die sie einschließen, gleichen einer Mauer,
während man in Wirklichkeit gerade des verschneiten
Bodens halber weit hindurchsehen müßte. Eugen Wolff
ist gewiß nicht unbegabt, aber er macht sich die Sache
zu leicht. Zwar hat er jenen Korridor sechsmal gemalt,
jedesmal jedoch ist er an den besten Reizen des Motivs
achtlos vorübergegangen, jedesmal sind seine
Sonnenflecke Farbenflecke geworden. Am erträglichsten
ist noch ein Bild, auf dem im Garten eine
Dame einen vor ihr radschlagenden Truthahn betrachtet
. Drei Bildnisse von Fritz Stattler lassen
einen geschmackvollen Routinier erkennen, der auf
dem sicheren Boden der guten Münchner Tradition
steht und glücklich der Gefahr entgangen ist, in
Lenbachs oder F. A. von Kaulbachs Geleise zu geraten
.

Der während einiger Jahre ohne Ausstellungen
geführte Salon Fritz Gurlitt ist nun wieder in die
Reihe der tätigen, Einfluß auf das Berliner Kunstleben
suchenden Salons eingetreten. Er hat sein
neues Heim in einer der kleinen Villen aufgeschlagen,
die hinter dem Hause Potsdamerstraße 113 so ruhig
liegen, als gäbe es in allernächster Nähe kein Weltstadtgetriebe
, als ständen sie nicht dicht an einer der größten
Verkehrsstraßen Berlins. Die Räume, zu denen
ein sehr hübscher, für intime Vorführungen äußerst
geeigneter Oberlichtsaal gehört, sind weder zahlreich
noch groß; aber für gewählte Ausstellungen
sehr günstig und für einen behaglichen Genuß wie
geschaffen. Sie wurden am 28. September geöffnet,
an dem gleichen Tage, da der verstorbene Fritz
Gurlitt vor fünfundzwanzig Jahren zur Besichtigung
seiner ersten Ausstellung in einem kleinen Lokal
Unter den Linden einlud. Die Verdienste des
Salons Gurlitt um die Anerkennung von Künstlern

FRIEDRICH BARTH

RADIERUNG

Große Berliner Kunstausstellung 1905

wie Böcklin, Thoma, Klinger, Hildebrandt, Marees,
Liebermann, Leibi und viele andere sind unvergessen
. Von ihm wurde das Berliner Publikum
zuerst mit den Größen der modernen Kunst bekannt
gemacht, wurden bereits 1883 die Manet,
Degas, Monet, Renoir und Sisley als Bahnbrecher
vorgestellt. Ein Kunstsalon mit solchen Traditionen
hat natürlich besondere Verpflichtungen gegen die
Kunst sowohl als auch gegen das Publikum. Man
erwartet von ihm etwas Besseres als nur respektable
Ausstellungen. Er soll eine eigene Physiognomie
haben. Die jetzigen Inhaber der Firma Fritz Gurlitt
sind klug genug gewesen, alle Ueberraschungen für
später aufzuschieben und mit einer Ausstellung im
Sinne des Begründers des Salons zu beginnen, in
der den alten Göttern des Hauses: Feuerbach,
Böcklin und Thoma gehuldigt wird. Seit langer
Zeit sind in Berlin an einer Stelle nicht soviel
Schöpfungen Hans Thoma's vereinigt gewesen wie
hier. Man sieht hier etwa fünfzig Bilder des Karlsruher
Meisters, deren Entstehungszeit zwischen
1860 und 1905 liegt. Es muß dankbar anerkannt
werden, daß die Zusammenstellung der Werke nicht
unter dem Gesichtspunkte erfolgte, Thomas Talent
in künstlicher Ueberhöhung zu zeigen. Man präsentiert
ihn eben wie er ist, mit seinen Vorzügen
und Schwächen. Es ist genug da, um die stärkste
Bewunderung für den Künstler zu erzeugen und
sehr vieles, das beweist, wie ungleich Thoma in
seinem Schaffen ist. Aber ob man nun sein Talent
für groß oder klein erklären mag — eines kann
ihm niemand bestreiten: die Eigenart, die Persönlichkeit
. Thoma hat ein selbständiges Verhältnis
zur Natur und hat diese oft mit so liebevollen

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