http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0100
-s;=^^> AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS <^^~
max svabinsky
Augen angeschaut,
daß er ganz neue
Reize an ihr entdeckte,
besonders aber in jungen
Jahren. Man sieht
ihn hier in seinen Anfängen
. Eine »Näherin
« von 1868, die
an einem mit einem
Feldblumenstrauß in
einem Glase geschmückten
Tisch
sitzt und von einem
Seitenfenster her
sanft beleuchtet ist,
erinnert an die Zeit
in Düsseldorf, >Die
Geschwister« — ein
Mädchen, in die Farben
des Delfter Ver-
meer, blau und gelb,
gekleidet, liest einem
mit ihr am Tische
sitzenden Knaben aus
einem Buche vor —
läßt an die Münchener
Jahre und den Verkehr
mit Leibi denken
. Sein Bestes gibt
auch hier Thoma in
Landschaften. Ganz
wundervoll sind vier
1870 entstandene, im
Charakter zusammengehörende
ansichtartige
Rheinlandschaften
— Säckingen, Rhein-
felden, Laufen und
Bingen — mit bäuerlicher
Staffage. Welche Frische der Empfindung, wie
natürlich die Farbe! Dann können zwei Landschaften
von 1886 nicht genug gerühmt werden, obschon hier
die Farbe bereits leicht übersetzt erscheint. Aber
wie unendlich fein ist in dem »Regenbogen« die
erfrischte Natur, in der >Frühlingslandschaft« mit
dem Säemann und der Regenwolke die Stimmung
des Werdens geschildert! Auch der ganz gobelinhaft
wirkende »Rhein bei Säckingen« aus dem gleichen
Jahre gehört zu den wertvollsten Schöpfungen
des Meisters. Von einer ganz merkwürdigen, fast
temperamentvollen Malerei ist eine »Wiese im Wind«
von 1876, voller Poesie das >Abendlied« von 1889
und groß gesehen der »Strand von Sorrent« von
1881. Aber auch noch aus den letzten Jahren gibt
es einige gute Landschaften, von denen besonders
»Die Gerbermühle« von 1898 genannt zu werden
verdient. Am ungleichartigsten sind die figürlichen
Bilder. Alle Thomaschen Porträts, ob es sich nun
um das seiner Gattin Cella oder um das der Frau
Dr. Spier oder um das Selbstporträt von 1899 mit
dem Neubau im Hintergrunde handelt, haben etwas
Starres, Kaltes, Unbelebtes. Seine Akte stehen in
der Regel zu nüchtern hart in der Landschaft. Ein
»Wasserfall« von 1875 mit badenden Knaben läßt
diese Beziehungslosigkeit von Mensch und Natur
oder vielmehr das Hineingesetzte klar hervortreten.
Glücklicher ist Thoma, wenn er Meermänner und
dergleichen malt. Dann bringt sein steifer Humor
oft etwas Versöhnendes und Anziehendes dazu.
Auch der »Wächter vor dem Liebesgarten« von
1895 hat seine Stärke hierin. Daß der Künstler
auch direkt malerisch sein kann, wird hier mit
einer ganz reizenden »Ruhe auf der Flucht« be-
der dichter kaminsky
««(federzeichnung)««
IX. Internationale Kunstausstellung München 1905
wiesen. Ein stärkerer
Gegensatz als er zwischen
der gelegentlich
philiströs intimen
Kunst Thomas
und der heroisch
großzügigen von Anselm
Feuerbach besteht
, läßt sich kaum
denken. Der Schwarzwälder
Bauernsohn
betrachtet die Welt
aus der Perspektive
eines braven, respektvollen
Bürgersmanns,
der Archäologensohn
aus Speyer schaut sie
mit den Augen eines
Griechen an, der überall
Götter sieht. Feuerbach
hat in der deutschen
Kunst nicht
seinesgleichen, und
wenn er den Beschauer
vielleicht auch niemals
so warm ans
Herz greift, wie Thoma
, er erhebt ihn
ästhetisch stärker, er
nötigt ihm die höchste
Bewunderung ab
durch die Größe seiner
Auffassung, durch
den Adel seiner künstlerischen
Sprache.
Man findet hier nicht
weniger als drei Darstellungen
der schönen
römischen Schu-
Feuerbach dasselbe war.
Das eine Mal hat
Sterin Nanna, die für
was für Raffael die Fornarina.
sie der Künstler in einem Brustbild ohne jede
Pose gemalt, als einfache schöne Frau aus Rom
in einem roten Kleide, über dem sie einen graublauen
Mantel mit der Hand zusammenhält. Ein
liebenswürdiges Bild, das aber auch vielleicht
Riedel würde gemalt haben können, wenn er nicht
der Süßlichkeit verfallen gewesen wäre. Auf dem
zweiten Bildnis, einem Kniestück, sitzt Nanna in
einem feierlichen schwarzen Seidenkleide, einen
weißen Burnus über den stolzen Schultern, eine
Rose an der Brust, vor einer pompejanisch roten Wand
hoheitsvoll wie eine Königin da. Das dritte zeigt
sie in der Halbfigur einer Tänzerin in einem bläulichen
Gewände mit weiten Aermeln, ein rotes Tuch
über der rechten Schulter mit einem Tambourin in
den erhobenen Händen, vor einem pompejanisch
roten Hintergrund. Dieses 1862 gemalte Porträt
gehört trotz eines verzeichneten Armes und einigen
Retouchen am Kleide zu Feuerbachs glänzendsten
Schöpfungen. Welche große Linien und welche
aparte Koloristik! Man denkt unwillkürlich an Dela-
croix, der dennoch nie diese Monumentalität erreicht
hat. Sehr schön und charakteristisch für des
Künstlers Art sind zwei »Musizierende Knaben«,
von denen der eine fast nackt ist. Auch das Porträt
eines bärtigen Mannes, der über einen weißen
Rock einen dunklen Pelz trägt, ist merkwürdig.
Ferner sind vorhanden eine Skizze zum »Tod des
Aretino«, zwei interessante Landschaften und ein kleiner
farbenschöner »Bacchuszug«. Die ausgestellten
Böcklins, Porträt der Frau Gurlitt, Bildnis einer
Amerikanerin, »Quellnymphe«, »Römische Land-
68
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0100