Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 79
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0113
-ü-^)" TONI STADLER

gezeichnete Winterbild in der Reihe unserer
Abbildungen stammen. Im Jahre 1900 bezog
er in München ein eigenes Heim, das ihm
Gabriel Seidl nach seinem Geschmack gebaut
hatte und das den vornehmsten Wohnungsluxus
aufweist, den es gibt, große, lichte
Räume. Im Verein mit seiner Gattin, die
selbst eine reichbegabte Künstlerin ist, hat
er das Haus allgemach zu einem Künstlerheim
voll Schönheit und Behagen ausgestattet und
in allen Teilen trägt es den Stempel seines
Wesens.

Zu Stadlers ersten Lehrern gehörte Louis
Neubert f und Gustav Schönleber, doch wirkte
keiner von beiden dauernd auf ihn ein. In
ausschlaggebender Weise aber beeinflußte ihn
am Anfang seiner Malerlaufbahn eine Lehrerin,
die schon manchen weise erzogen hat: Frau
Sorge! Als Stadler nach München kam, war
sein Budget so knapp, daß, wenn er die unumgänglichen
Kosten für Wohnung, Werkstatt
und Bedienung abrechnete, nichts übrig blieb
als ein kleines Defizit. Aber es ging doch.
Nur mit dem Malen war es nicht viel, denn
zum Malen gehört Geld, und der junge Künstler
durfte sich zu Studienzwecken nicht allzuweit
und nicht allzulange entfernen. So
lernte er seine Studien mit der Seele malen
— mit Oelfarben vor der Natur hat er solche
überhaupt nie gemalt — und beschränkte sich
aufs Zeichnen. Er studierte die Linien des
Geländes, die Formen der Bäume in subtilen
Zeichnungen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit
, wie dies einst auch der junge Böcklin
übte, der in solchen Zeichnungen vom Kunstwerk
ganz absah und sie nur als Lernmittel
betrachtete. Stadler eignete sich dabei auch
eine erlesene Art des malerischen Zeichnens
an und brachte es hierin zu einer Vollendung,
in der er nicht viel Mitbewerber haben dürfte.
Es ist ein seltenes Vergnügen, in seinen
Skizzenbüchern zu blättern und zu sehen,
wie er einen Natureindruck mit einem Minimalaufwand
von Strichen, breit und doch mit
einer gewissen Sauberkeit als Ganzes festhält
, so sehr als Ganzes, daß die Farbe sozusagen
mit hineingezeichnet ist. Alle seine
Bilder gehen auf solche Skizzenbuchblätter
zurück, und vergleicht man Zeichnung und
Gemälde, dann sieht man mit Staunen, wie
vollkommen letzteres in dem ersteren schon
enthalten war. Sein Gedächtnis ist durch
diese Art zu arbeiten so sehr geschult, daß
ihm die kleine Zeichnung auch nach Jahren
als Grundlage für ein Bild vollkommen genügt
, und daß dies Gedächtnis automatisch
na'ch dieser langen Frist noch die Farbwerte
in die Flächen der Zeichnung einzusetzen
weiß. Das wird manchen überraschen,
der überzeugt gewesen ist, die Wahrheit und
Delikatesse von Stadlers Arbeit sei nur durch
fleißiges Sitzen vor der Natur zu erklären.
Inwieweit hier die triviale Not zur Tugend
wurde, inwieweit der Zwang, durch das Ge-
merk und den flüchtig notierenden Stift die
Studienmalerei zu ersetzen, dem Maler seinen
Stil schuf, oder inwieweit Schicksal und Begabung
hier aufs gleiche hinausführten, ist
schwer zu entscheiden. Nicht bloß Geschick
und Glück, auch Geschick und Not verketten
sich unter Umständen in der Bildung einer
Persönlichkeit zu einer guten Einheit. Sicher
ist, daß Toni Stadler schon von Natur eine
ganz ausnahmsweise Gabe, dreidimensional
zu sehen, ein hervorragendes Raumgefühl hat,
und daß diese Gabe das fast hervorragendste
Kennzeichen seiner künstlerischen Eigenart
bedingt: die Größe im kleinen Rahmen!
Sie bedingt auch die Wahl seiner Stoffe, die
Vorliebe für die Ebene mit weitem Blick, für
Hügelland mit flachgeschwungenen, sanften
Linien, für unsere oberbayerische Seen- und
Voralpengegend, fürHolland und seinen Strand,
seine Weidestrecken und Dünen. Er hat Bilder
genug gemalt, auf denen liebenswürdige Einzelheiten
des Vordergrunds Hauptsache sind,
grüne Büsche und Bäume, einen pittoresken
Wasserwinkel, wie er ihn beim Fischen entdeckte
, eine malerische Brücke oder ähnliches
— aber seine ureigensten Motive geben ihm
doch die Landschaften, die einen Blick in
freie Weite und freie Höhe gewähren. Die
liebevolle und liebenswürdige Art, wie er dem
Vordergrunde Bedeutung leiht und die das
Ergebnis einer hochentwickelten Maltechnik
ist, verstärkt nur die große Raumwirkung
seiner Fernen und hohen Himmel. Darin hat
er gewiß vieles von den Alten gelernt, so
wenig altmeisterlich schließlich seine Palette
ist. Sie hat stärkere und sattere Töne, eine
reichere Skala, wie sie die moderne Zeit vom
Maler verlangt — bei aller Innigkeit, aller
Scheu, irgend eine Einzelheit als nebensächlich
zu vernachlässigen, ist Stadler eben ein
moderner Maler, weil er ein moderner Mensch
ist. Und wenn wir gelegentlich selbst ein
leises Stilisieren feststellen in seinen Bildern,
so ist es eben sein eigener, kein angenommener
Stil, ist es eine Ausdrucksweise, die sich aus
seinen zeichnerischen Qualitäten ganz von
selber entwickelte. Von „Galerieton" und
ähnlichen stilistischen Scherzen ist schon gar
nicht die Rede. Daß dieser Maler als Schaffender
in vollkommener Freiheit über den Zeitmoden
steht, ergibt sich aus der ganzen, merkwürdig
harmonischen Ausgeglichenheit seiner Kultur;

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