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KÜNSTLER. WIEDERGEBURT DES MENSCHEN AUS DER LANDSCHAFT
eines Studiums der holländischen Malerei
das Landschaftliche zu neuer hoher Bedeutung
entwickelt, da Millet mit seinen feierlichen
Darstellungen aus dem Bauernleben
die Würde ursprünglichen Menschendaseins
verkündet. Die Phantasie auch der Franzosen
strebt damals in das Bereich des Allgemeinen
auf, so bei Moreau, so besonders bei dem
bis in unsere Tage weiterwirkenden Puvis
de Chavannes, der eine ideale Menschheit
in einer großen Natur schildert und dem
die Möglichkeit geboten wurde, die unseren
deutschen Künstlern nicht gewährt war,
seine Vorstellungen in Wandgemälden zu
formen. Analogien hierzu bietet England in
den Präraphaeliten, in Rossetti, Burne Jones,
Watts, ein Sicherheben heraus aus der begrenzten
Wirklichkeit, aus bloßer Landschafts-
stimmungsmalerei, wie sie so energisch und
eindrucksvoll von Constable in Anknüpfung
an die alten Holländer, so träumerisch
visionär von Turner gestaltet worden war,
hin zur idealen Menschenschilderung. Aber
freilich gelangte man hier nicht zur völligen
Freiheit, die Anschauung blieb gebunden
durch Eindrücke der italienischen Kunst des
1 5. Jahrhunderts oder durch allegorische Spekulationen
.
Bleibt der Deutsche hinter diesen Leistungen
der Franzosen und Engländer zurück? Wie
verhält es sich damit? Deutsche Dichter,
Denker und Musiker waren es, welche das
Ideal des von Rousseau zuerst verkündigten
natürlichen Menschentumes in schöpferischen
Taten verwirklicht hatten, denen andere Völker
nichts Gleiches an die Seite zu stellen
haben. Sollte der Deutsche nicht auch in
der Malerei etwas Größeres und Originelleres
als der Franzose und der Engländer hervorgebracht
haben? Ja! Unumwunden spreche
ich es hier aus: Maler von der Originalität
und Größe der Formen- und Farbenanschauung
, von der Energie innerlichen Erlebens,
von dem Reichtum der Phantasie und von
der Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit, wie
Böcklin und Thoma, hat weder die französische
noch die englische Kunst aufzuweisen.
Noch ist bis jetzt diese Erkenntnis nicht vorhanden
. Aber so gewiß wir in den Werken
der beiden Meister, und namentlich Thomas,
mit jedem Jahre mehr jene Eigentümlichkeiten
erfassen, so gewiß wird sich die Wahrheit
herausstellen, daß, wenn auch im großen und
ganzen die französische Kunst bis zu den
siebziger Jahren uns in vielen Dingen überlegen
gewesen ist, sie Persönlichkeiten von
dieser universellen, schöpferischen Kraft nicht
aufzuweisen hat. Vergleichen Sie die Werke
des Puvis de Chavannes mit denen Böcklins
oder Thomas, wie schwach, wie blaß, wie
konventionell erscheinen sie! Vergleichen
Sie die so reizvollen, ja bezaubernden Geschöpfe
der englischen Präraphaeliten, die
merkwürdigen Visionen, die Watts gemalt
hat, und Sie werden sagen müssen : wie weit
sind sie entfernt von der Naturfreudigkeit,
Natürlichkeit und Erfindungskraft unserer
beiden Meister, wie sehr haftet ihnen ein
Sentimentalisches, ein gewisser Manierismus
an. Nein! Wir haben, wenn auch diese
deutsche Kunst noch nicht allenthalben anerkannt
ist, allen Grund, stolz und selbstbewußt
zu sein und dürfen sie bei aller Gerechtigkeit
für das Fremde mit Siegesgewißheit
der anderer Völker gegenüberstellen ! -
Welcher Art ist nun aber das Gegenständliche
, das bei dieser Menschwerdung der
Natur von Böcklin und Thoma in ihren Werken
behandelt wird?
Da ist vor allen Dingen zu beachten, daß gewisse
Vorstellungen, die von einer großen vergangenen
Kultur eines Schöpfervolkes zu vollkommener
Gestaltung gebracht worden sind,
der Menschheit nicht mehr verloren gehen, daß
das, was der Grieche, seinen Mythos schauend
und formend, als ewig und typisch menschlich
hingestellt hat, als solches auch immer weiter
wirkt. Diese antiken Elemente sind nicht
mehr aus der Welt zu schaffen und bemächtigen
sich des Geistes auch des schöpferischsten
neueren Künstlers, der in mythologischem
Sinne dichtet. Als erstes also sind antike
Elemente zu nennen. Wie charakteristisch
aber der Unterschied zwischen diesen und
den früheren antikischen Darstellungen des
19. Jahrhunderts! Es sind nicht mehr die
Götter- und Heldensagen, die behandelt werden,
sondern, was aus dem Griechentum genommen
wird, sind die allgemeinen aus der Natur heraus
erfundenen Wesen, mit denen, könnte man
sagen, die Natur ursprünglich bevölkert ward.
Und weiter allegorische Vorstellungen, in denen,
für alle Zeiten verständlich, auch ein allgemeines
Menschliches fixiert ward.
Das zweite Bereich der menschlichen und
halbmenschlichen Erscheinungen, das von
Böcklin und Thoma verwertet ward, umfaßt
Gestalten aus der germanischen Mythologie,
darunter auch solche, die durch Sagen oder
Märchen schon in älteren Zeiten eine bestimmte
volkstümliche Form gewonnen haben.
Der dritte Stoff ist der christliche, aber in
einem ganz bestimmten Sinn aufgefaßt, indem
nämlich nicht daschristlich Historische, welches
das Mittelalter hindurch die Künstler beschäftigt
hat, als Vorwurf dient, sondern alles, was
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