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ANSELM FEUERBACH UND KARLSRUHE
Von H. Werner
Im ersten Oktoberheft des XIX. Jahrganges
der „Kunst für Alle" habe ich noch vor
dem Erscheinen der Neuauflage des Allgeyer-
schen Werkes über Anselm Feuerbach von
dem Ergebnis einer Vergleichung der bekannten
Buchausgabe des „Vermächtnis" mit
den von der Berliner Nationalgalerie aufbewahrten
Originalaufzeichnungen und -Briefen
berichten dürfen. Der kleine Aufsatz hat in
Kürze nachgewiesen, inwiefern die bekannte
sogenannte Selbstbiographie Feuerbachs nicht
sein, sondern der Mutter Werk genannt
werden kann. Im übrigen hat er das Martyrium
der Künstlerlaufbahn des Meisters
bestätigt, aber im Gegensatz zu Allgeyer
und der populären Auffassung — sein trauriges
Lebensschicksal, die Vereinsamung und die
Verdüsterung seines Sinnes aus der unglücklichen
Eigenart seiner Persönlichkeit und seines
krankhaft nervösen Temperamentes erklärt.
Nun werden meine kurz zusammengefaßten
Behauptungen in einer neuen Schrift von
A. von Oechelhäuser, „Aus Anselm Feuerbachs
Jugendjahren"*) nachdrücklich bestätigt.
Der Verfasser behandelt die Beziehungen
Feuerbachs zu Karlsruhe, also ein ganz besonders
wichtiges, und nach der Darstellung
des „Vermächtnis" und der Allgeyerschen
Biographie besonders trauriges Kapitel.
Die Absicht, das Verhalten des badischen
Hofes und der in Kunstfragen maßgebenden
Persönlichkeiten, vor allem des Kunstschuldirektors
Schirmer und des Hoffinanzrates
Kreidel, gegen Feuerbach zu verteidigen, leitet
ihn. Man mag durch die Erkenntnis dieser
deutlich hervortretenden Tendenz noch so
skeptisch gegen seine Ausführungen gestimmt
sein, es ist unmöglich, sich dem Eindruck
seiner Veröffentlichungen aus dem Brief- und
Urkundenmaterial der Generalintendanz der
großherzoglichen Zivilliste zu entziehen
.
Darnach ist allerdings die allgemein
verbreitete Auffassung und Darstellung
des Verhaltens der in Betracht kommenden
Karlsruher Kreise - - die Persönlichkeit
K. Fr. Lessings ausgenommen
- ganz falsch. Allgeyer war einmal
aus Unkenntnis der von Oechelhäuser
zum ersten Male benutzten und
gedruckten Briefe nicht in der Lage,
den wahren Sachverhalt zu schildern,
dann hat ihn aber auch seine Erbitterung
gegen alles, was mit Karlsruhe in
Verbindung stand, in falsche Bahnen
gedrängt. Er ist in der zweiten Auflage
seines Buches über den bewunderten
Freund in vieler Hinsicht mehr dessen
fanatischer Apostel als sachlich prüfender
und darstellender Historiker. Es
ist schmerzlich, aus Oechelhäusers
Nachweisen zu erkennen, wie einseitig
und willkürlich er in einzelnen Fällen
mit den Feuerbach-Manuskripten der
Nationalgalerie und mit ihrem Druck
in seinem Werk verfahren ist, wenn
deren Inhalt und Wortlaut sich nicht
seiner Absicht fügten.
Für zwei Männer bedeutet das neue
Buch geradezu eine Ehrenrettung gegenüber
den erhobenen Anklagen, für
Schirmer und Kreidel. Der in der
EMIL OR LI K
DES KÜNSTLERS MUTTER
*) Leipzig 1905 (E. A. Seemann).
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