Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 150
(PDF, 172 MB)
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^s£> FÜNFUNDSIEBZIG JAHRE BELGISCHER MALEREI

diesem, dem er an malerischer Feinheit überlegen
ist, an Vielseitigkeit, Erfindungsreichtum,
Witz aber nicht entfernt verglichen werden
kann. Auch er benutzte die Geschichte nicht
nur als Vorratskammer für schöne Gewänder
und starke Gebärden, sondern lebte sich völlig
in die Epochen ein, die er darstellte. Zugleich
aber vertiefte er sich so in die Weise der
Maler jener Zeiten, daß er nicht nur ihre
Modellierung und Farbengebung, sondern auch
ihre feinste Helldunkelwirkung und den schimmernden
Glanz ihrer Bilder nachzuschaffen
verstand. Dabei sind sehr verschiedene Meister
seine Vorbilder gewesen; bald erinnern seine
Werke an die kühlen und frischen Töne von
Quentin Massys, bald an den feinen Schmelz
von Terborch. Immer aber sind sie vom
ersten bis zum letzten Striche aufs sorgfältigste
durchgearbeitet, so daß sich für den Feinschmecker
in künstlerischen Dingen immer
neue Köstlichkeiten enthüllen. So darf man den

henri leys (1815—1869)

heiligen Lukas (Abb. S. 148) wohl als ein den
alten Meistern direkt ebenbürtiges Werk bezeichnen
. Welche geradezu Eycksche Kraft
besitzt der Kopf des alten Mannes, wie sind
die Hände gemalt, oder das Stilleben von
Büchern und Papieren, wie entzückend ist
der Ausblick durchs Fenster! Und welche
Feinheit besitzt die Lichtwirkung auf der
Szene im Kreuzgang (Abb. S. 150), mit welcher
Kunst sind die Totentanzmalereien an der
Wand wiedergegeben, wie köstlich steht das
tiefe Rot des die Kerzen anzündenden Novizen
zu den kühleren Tönen der barmherzigen
Schwestern!

Und doch: so ganz unumwunden geben wir
uns dieser Kunst doch nicht hin, etwas kühl
bleibt unsere Bewunderung für sie. Es fehlt
ihr die Unmittelbarkeit des künstlerischen Gesichts
, die auch den Beschauer unmittelbar
ergreift. Leys ist vielleicht der größte unter
den unselbständig empfindenden Künstlern des

19. Jahrhunderts, aber er war
eben doch unselbständig.
Ihn als Historienmaler zu
bezeichnen, wie der Katalog
es tat, ist eigentlich nicht
richtig. Die meisten und
besten seiner Bilder stellen
keine geschichtlichen Handlungen
dar, sondern sind
Genrebilder in historischem
Gewände. Selbst seine Malereien
im Antwerpener
Stadthaus, zu denen die vorbereitenden
Tafelbilder ausgestellt
waren (Abb. S. 153),
haben trotz der gobelinartigen
Ruhe etwas Genreartiges
. Das ihn umgebende
Leben stellte er nur deshalb
nicht dar, weil es ihm
nicht malerisch genug erschien
. Wie er sein prächtiges
Heim ganz wie ein alt-
flandrisches Patrizierhaus
ausgeschmückt hatte, so hat
auch seine Kunst keine Berührung
mit dem Leben
seiner Zeit.

Kaum ein größerer Gegensatz
läßt sich deshalb
denken als zwischen ihm und
Charles de Groux. Leys
war Aristokrat und malte
für den Amateur, de Groux
wandte sich mit seinen Bildern
an das Volk. Jener be-
im kreuzgang saß eine fast robuste Konsti-

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