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-*=4^> FÜNFUNDSIEBZIG JAHRE BELGISCHER MALEREI <^=^
bildete erinnert sehr stark
an einige im vorigen Jahre
von uns gebrachte des letzteren
Meisters. Das Beste
waren einige groß aufgefaßte
Porträtköpfe (Abb.
S. 160). Viel stärker kam
Eduard Agneessens zur
Geltung, ein ausgesprochener
Figurenmaler, von dem
die Ausstellung nicht weniger
als 23 Werke zeigte.
Auch er besitzt ganz die
breite Mache des französischen
Meisters und seine
kraftvollen, aber wie von
einer wundervollen Patina
gedämpften Farben. Das ist
ja das immer von neuem
so Bezaubernde an Cour-
bets Werken, daß selbst
die alltäglichsten Vorwürfe
durch seine malerische Kultur
geadelt werden. Das
umfangreichste Bild Agneessens
war die „Kindergruppe
" (Abb. S. 161), ein Meisterwerk
in der Wiedergabe
des Stofflichen, von dem
Teppich bis zu dem Fell
des Hundes und den lockigen
Kinderköpfen. Die
drollige kleine Japanerin
(Abb. S. 168) wirkt im Original
wie eine schöne alte
Fayence.
Auch sonst spielte das Bildnis auf der Ausstellung
eine große Rolle. An der Spitze der
älteren Maler stand hier Francois Joseph
Navez (1787—1869), der von 1831 an fast
ein Menschenalter lang Akademiedirektor in
Brüssel war. Er hatte seine erste Ausbildung
hier genossen, war aber dann nach Paris zu
David gegangen, bei dem er die entscheidenden
Eindrücke empfing. Leider wurde uns
fast gar nichts von seinen „akademischen"
Werken gezeigt. In den acht Bildnissen erwies
er sich von neuem als einer der allerbesten
Nachfolger des großen Franzosen, bei
dessen ausdruckvollem Porträt (Abb. S. 164)
er die schiefe Stellung des Mundes, besonders
im Gegensatz zur Rudeschen Büste, sehr
stark gemildert hat. Ganz in die Nachbarschaft
Davids, besonders der drei Genter
Damen im Louvre, gehört auch das von uns
abgebildete Bildnis eines Ehepaares (Abb.
S. 151). Einer der Hauptreize des Werkes,
der famose Akkord der grün und roten Schärpe
HENRI DE BRAEKELEER (1830-1888) SAAL IM ANTWERPEN ER BRAUERHAUS
über dem grauseidenen Kleide, geht in der
Wiedergabe allerdings ganz verloren. Noch
etwas älter ist Francois Simoneau, der erst
in Paris unter Gros, dann in England studiert
und dort den Einfluß von Thomas Lawrence
erfahren hatte. Sein „Mandolinenspieler" (Abb.
S. 147) ist nicht nur ein charaktervolles Bildnis
, sondern in seinen kräftigen braunen Tönen
auch ein prachtvolles Stück Malerei.
(Der Schluß folgt)
GEDANKEN ÜBER KUNST
Ich komme immer mehr zu der Ueberzeugung, daß
alle Malerei, da sie auf Anschauen der in der eigenen
Natur sich spiegelnden Außenwelt beruht, kontemplativ
sein muß. Darum entstanden im Mittelalter
so große Werke der Malerei, so seelisch reich, weil
der Hang zu kontemplativ sich versenkender Betrachtung
so vielen Gemütern mitten in den stürmischen
Bewegungen der tatenreichen Zeit eigen war. Es war
derselbe Hang, der Unzählige in die Stille der Klöster
und Wälder ZOg. W. Steinhausen
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