Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 189
(PDF, 172 MB)
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^stf> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^~^

nach freierer Durchführung und Erweiterung des persönlichen
Stils. So hat Pippich seine meist unserer
Stadt entnommenen Straßen-und Platz-Motive, welche
er bisher mit einer gewissen Aengstlichkeit behandelte
, nun kräftig angefaßt. Es ist Bewegung, sichere
Fleckwirkung, es ist formales Können hier als plötzlich
sichtbare Dokumentierung einer emsigen Selbsterziehung
mit Vergnügen zu konstatieren. Auch die
Miniatur-Landschaften von Geller, dann eine Serie
Porträts und Tierstudien von Posch erregen Interesse
. Ein in Paris lebender Wiener Maler, Viktor
Scharf, hat einen großen Saal ganz allein zur
Verfügung. Er ist vor allem Porträtist, wendet aber
auch dem holländischen Interieurbild mit Vorliebe
sich zu. Seine elegante sichere Art der Wiedergabe
mag beim großen Publikum Anklang finden.
Von fremden Darbietungen sind wohl die einzig
wirklich belebend künstlerischen, die reizenden
Schwarz-Weiß-Blätter des russischen Radierers Rudi-
moff. Hier findet man eine Vielfältigkeit und Eigenart
der Vision, wie sie nur an einem Künstler, der
alle Lebensformen souverän beherrscht, beobachtet
werden kann.

Die Skulptur kann wohl gänzlich übergangen
werden. Es genügt ja nicht, einfach irgendwelche
Marmor-, Gips- oder Bronze-Formen aufzustellen.
Es müßte doch ein leisester Hauch von Notwendigkeit
, eine geringste Dosis von innerer Berechtigung
Werken entströmen, die den Anspruch auf ernstere
Betrachtung erheben. — Bei Miethke sind im neuen
Ausstellungs- und Auktionslokal am Graben, dort wo
eben jetzt die Kunstgewerbeschule der Wiener Werkstätte
sich auch befindet, einige Bilder, Holzschnitte
und Miniaturen von Karl Anton Reichel zu sehen.

Mit den sparsamsten technischen Mitteln ist hier
der Versuch gemacht, eine Innenwelt in sichtbare
Zeichen zu übersetzen, eine Sprache durch Linien
und Töne sich zu schaffen, die einer traumhaften
Ekstase körperlichen Ausdruck zu geben vermag.
Außer dem auf Goldgrund gemalten Frauenporträt,
welches trotz seiner rein stilistisch dekorativen
Tendenz dennoch nach der Natur behandelt ist,
findet man nur Frauentypen, die aus dem Born der
Erinnerung, aus einer Ansammlung von langbewahrten
Eindrücken sich herauskristallisiert haben.
Der Künstler hat sie immaterialisiert, hat ihnen
jedes individuelle Leben genommen, um ein Höheres,
ein Allgemeineres zu geben. Er bildet vielleicht
ganz unbewußt Begriffe mit Linien und Farbentönen.
So geht er nicht der Kontur des Lebens nach, nicht
der Wesensart des Dinge, sondern sein Pinsel will
die Empfindungs-Kurven einer sehr reinen, sehr
keuschen, sehr hohen Sehnsucht wiedergeben. Die
früh-madonnenartigen Gebilde, welche der Künstler
auf die Leinwand in leuchtenden, tiefen, juwelenschimmernden
Tönen setzt, erinnern trotz der unbeholfenen
, schüchternen, gar nicht erfahrenen formalen
Wiedergabe absolut nicht an die Naivität
des Primitiven. Der Primitive war ein staunender,
lernbesessener, innig ergebener Schüler der Natur.
Er nahm mit kindlicher Neugier alles Wahrnehmbare
hastig und unermüdlich auf und versuchte mit
reinster Einfalt eine Abschrift des Erschauten so
minutiös, so wahrhaftig zu geben, als sein noch
hastendes, noch stotterndes Können es zuließ. Vom
Körperlichen, vom Sachlichen gelangte er zum Seelischen
. Hier aber bei Reichel ist umgekehrt der
Blick nach innen gerichtet. Das Rätselhafte, das

fernand khnopff

kircheninneres

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