Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 203
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-^£> DIE GRAPHISCHEN KÜNSTE -CS^-

julius diez

presse-fest 1903

unserer Zeit. Und die Wortführer tun selbst
so und unterstützen diese Ansicht, als sei
diese Kunst ein Gnadengeschenk, das vom
Himmel gefallen sei, den Künstlern in den
Schoß, als sei sie in jeder Beziehung die
Ausgeburt einer genialen, freischaffenden
Phantasie.

Sie ist Berechnung, sie ist Notwendigkeit.
Und ist aus demselben Zwang geboren, wie
ein Mensch in einer großen Menge, die ihn
mit Lärm umgibt, zu schreien beginnt, da er
sich leise nicht verständlich machen kann.

So entstand das Plakat, berechnet auf
schnelle, wie unbewußt sich einprägende Fernwirkung
. So entstand in demselben
Kreise, in der Großstadt,
ein verändertes, differenzierte-
res Abbild: die moderne Zeichnung
.

In diesem Kreise wird der
Künstler selbst ruhelos. Ein
ewig ruheloses Getriebe umgibt
ihn. Er wird das Opfer des
Moments. Er lernt dem Augenblick
sich hingeben. Er lernt,
aus tiefem Trunk zu schlürfen.
Dieses Momentane den Erscheinungen
abzulauschen, ist sein
Bestreben. Er erfaßt darin die
Konzentration, ohne die Prätention
der ewigen Gültigkeit zu
erheben. Es ist Verdichtung zugleich
und Auflösung, Ruhe und
Vorübergang.

Nur so kann der Künstler
dem vorüberflutenden Strom
folgen. Und da er ermattend oft JOsef dam-
das Sinnlose spürt, wird er leicht berger « «

pessimistisch-karikaturistisch. Wie oben erwähnt
, steht die scharfe Ausprägung der Form
sowieso schon der Karikatur nahe. Der Künstler
fühlt sich als Mittel gebraucht, nicht als
ruhende Notwendigkeit. Er lehnt sich auf,
er höhnt, er verlacht, was ihn knechten will.
Er wird zum Anklänger, zum rüttelnden Frager.

Dies einige Variationen, einige Typen unter
den modernen Zeichnern.

II.

Die moderne Illustration will reden und
sucht energisch den Anschluß an die Masse.
Sie gibt verständliche Gedanklichkeit in technisch
einwandfreier, ja vollendeter
Weise. Der Inhalt wird
so mit einem wertvollen Kleide
umhüllt.

Es genügt ihr ihrem Wesen
nach nicht, zu sein, wie ein
Kunstwerk sich begnügt, zu sein.
Sie will auch nicht warten, bis
jemand sich wie zufällig findet,
der ihre Feinheiten versteht, ihr
Wesen langsam und geduldig ergründet
und sich an ihren Schönheiten
erfreut, nachdem er tausend
Hindernisse und Dornenhecken
überwunden. Die moderne
Illustration will gehört,
will verstanden sein, und zwar
sofort, in diesem Augenblick.

Sie muß also die Welt der
äußeren und inneren Gesichte
vereinfachen.

Sie blickt nach außen. Sie
duldet nur so viel Persönlich-

dienstboten-

ball 1900 « « keit, als diese die Wege nicht

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26*


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