Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 229
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DER KAMPF GEGEN DEN BILDINHALT

Von A. L. Plehn

Jahrhundertelang hat die Menschheit nicht
anders gewußt, als daß ein Bild nicht nur
die Augen beschäftige, sondern durch ihre
Vermittlung auch dem Geist ein Geschenk
mache. Ganz wie die Wirklichkeit, die in
Gestalt von Formvorstellungen und Farbeneindrücken
selber in das menschliche Gehirn
eingeht und dort als das Bewußtsein von
draußen sich bewegenden und handelnden
Körpern eine Art Auferstehung feiert. Was
das Kunstwerk und ästhetisches Genießen von
der Wirklichkeit und ihrer Betrachtung unterscheidet
, ist die Loslösung des Wesentlichen
vom Zufälligen, also der straffe, klare Zusammenhang
und der Stempel des persönlichen
Künstlerwillens. Aber auch im Werk
des Malers nahmen die Augen
einen Inhalt wahr.

Nur in den letzten Jahrhunderten
wurde er immer häufiger weniger
deutlich, als es sonst der
Fall gewesen. Das hing wesentlich
mit der Malweise zusammen. Die
Trennung der Einzelheiten war
nicht allzuscharf. Die Körper verloren
die bestimmten Grenzen. Sie
vermischten unmerklich ihre Oberflächen
miteinander. Der Zusammenhang
von großen Massen wurde
durch Hell und Dunkel und durch
den Farbencharakter gegliedert. Er
brauchte nicht mehr mit den tatsächlichen
Einheiten der Individuen
zusammenfallen. Rembrandt
warf seine Sonnenlichter in ein
Chaos von Schatten, so daß die
Menschen in einzelne Teile zerhackt
wurden, und er war der erste,
dem seine Zeitgenossen vorwarfen,
daß er nicht deutlich genug sei.
Das Inhaltliche wurde schwerer
erkennbar, als die Gewohnheit
wollte. Und gerade darum wird
der große Holländer heute von solchen
gefeiert, welche eine für die
Auserwählten vorbehaltene Kunst
wünschen, eine die dem ästhetischen
Barbaren nichts gibt, weil
er einfach nicht klug daraus wird.
Diese Kunstaristokraten möchten
weiter folgern, daß ein Bild darum
um so wertvoller sei, je mehr es dem

Barbaren rätselhaft bleibe. Da es der Inhalt
ist, an dem der Kunstfremde seinen Stützpunkt
sucht, so werden die sich als die Bevorzugten
erscheinen, welche für ihre Person auf einen
Inhalt verzichten wollen. Bei Uebereifrigen
lautet dann die nächste Folgerung, daß Inhalt
nicht nur entbehrlich, sondern daß er sogar
vom Uebel sei. Weil sie sich gewöhnt haben,
in jedem Malerwerk nur bedeutungsloses Ornament
zu sehen, weil sie nur Farbenfleck mit
Farbenfleckvergleichen und Linienbewegungen
gegeneinander abwägen, stellen sie die Behauptung
auf, daß dies allein Kunstgenuß sei.
Die Vernachlässigung dieses Hauptwertes der
bildenden Kunst, welche tatsächlich lange von
Leuten geübt wurde, die ihre Augen nicht zu

h. von habermann

bildnis

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