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-^=4=ö> DER KAMPF GEGEN DEN BILDINHALT
H. VON HABERMANN
das nicht haben machen können. Als ein
Verdienst sah man also damals (und auch
wohl heute noch) die Deutlichkeit des Inhaltlichen
an.
Heute braucht Liebermann weniger Pinselstriche
als vor zwanzig Jahren, um seine
Polospieler oder Spazierreiter darzustellen.
Er charakterisiert knapper, hält mehr von
der Erscheinung für unwesentlich. Aber man
lasse sich nicht einreden, der Maler wolle
minder als früher das Gegenständliche darstellen
:*) das edle Pferd mit seinen federnden
Bewegungen, die Eleganz einer Gestalt, deren
Arm zum Schlage ausholt, die Luft, die um
die Figuren streicht. Die Luft vor allem
und das ist immer noch ein Inhalt. In den
paar Kohlestrichen und Wischtönen von
Liebermanns Zeichnungen lernt man etwas
vom Charakter einer Ebene oder Dünenlandschaft
kennen. Eine Bereicherung durch das
Interesse an diesem Gegenständlichen ist
nicht zu trennen von dem Vergnügen an der
Energie des Strichs und der Weiche des Tons.
Um der Deutlichkeit des Gegenständlichen
willen isoliert Puvis de Chavannes die sprechende
Gebärde inmitten größter Einfachheit.
Ich denke an eins der Pantheon-Bilder. Ein
Mann hebt heftig den Arm, während stille
Gestalten mit herabhängenden Armen daher-
schreiten. Nun sieht man den Gestus und
glaubt einen Aufruhr vor sich zu haben. Solche
MOTIV BEI UNSLEBEN
*) Vom Willen ist hier die Rede, die Frage nach
dem Gelingen lasse ich für diesmal beiseite.
Mittel sind heute noch
ganz so wirksam und
vom Künstler, der
nicht nur schmücken,
sondern dereinen Vorgang
erklären wollte,
noch ebenso begehrt
wie in den Tagen des
Giotto. Und zwar nicht
nur in der Wandmalerei
sondern auch im
Staffeleibilde.
Böcklin wollte deutlich
sein wie Puvis,
wie Liebermann, ich
behaupte, wie jeder
Künstler. Ein Unterschied
ist vielleicht
der: Böcklin wollte
auch von den einfachen
Augen verstanden
sein. Man hat ihm
seine Stoffe vorgeworfen
, weil sich oft die
malerische Unkraft anderer durch ein notdürftig
umgeworfenes Phantastenmäntelchen als
künstlerisch empfehlen wollte. Was schwächliche
Nachahmer tun, geht den Genius nichts
an. Wenn das Inhaltliche an Böcklins Kunst das
Einzige, das Wesentliche wäre, warum stellt
man nicht die mit ihm auf eine Stufe, die
ihm seine Stoffe abgeborgt haben? In dem,
was wir als den Kern von Böcklins Werk
betrachten — und bei welchem Künstler liefe
nicht dies und das nebenher, was für die
Betrachtung im großen ausscheidet, weil es
Irrtum und Schwachheit ist — sind Linien
und Farben, welche die Augen bezwungen
haben, darum glaubte man an den Inhalt.
Der schönste Inhalt blieb bei den Nachahmern
kraftlos und konnte höchstens die befriedigen,
die denken, statt zu sehen.
Das Ansinnen an einen Maler, auf den Inhalt
zu verzichten, sich nur mit den sinnlichen
Reizen seiner Technik zu beschäftigen,
scheint mir auf derselben Stufe zu stehen
mit dem Verbot an den Dichter, zu erzählen,
Vorgänge auf seine Art lebendig zu machen.
Dem rein malerischen Bilde, das nur Farbenharmonien
zeigte ohne erkennbare Formzusammenhänge
, die sich als handelnde Körper
deuten lassen — nur damit wirklich alles
Inhaltliche vermieden würde — entspräche
eine Poesie, die keine Satzzusammenhänge
und keine Gedankenfolgen aufzuweisen hätte,
sondern die Worte allein, dem musikalischen
Klange gehorchend, aneinanderfügte. Proben
solcher Lyrik lieferten bekanntlich in Theorie
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