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und Praxis die Romantiker zuweilen. Vielleicht
kann man auch solche Verse als die
„poetische" Poesie der Gedanken- und Empfindungspoesie
gegenüberstellen. Schwerlich
wird die Menschheit übereinkommen, darum
den überwiegend größten Teil aller Dichtung
für unkünstlerisch zu erklären, weil sie einen
Inhalt hat. Und mit der Malerei wird es sich
wohl ähnlich verhalten.
AUS DEN BERLINER KUNST-SALONS
]\4an ist in der letzten Zeit ein wenig bedenklich
geworden, von jungen unbekannten Künstlern
als von Talenten zu sprechen, weil die Erfahrung
lehrt, daß den ersten, höchst gelungenen Werken
dieser Künstler in den weitaus meisten Fällen ganz
schwächliche Leistungen folgen und daß das in der
Regel zu früh und zu kräftig gespendete Lob der
Kritik an dieser Erscheinung viel Schuld trägt. Und
trotzdem: Im Künstlerhause produziert sich ein
neues Talent, der Maler William Krause aus
Dresden. Das Beste an seinen Leistungen ist
eine natürliche Frische der Anschauung und des
malerischen Ausdrucks, verbunden mit einem gesunden
Können, und ein gewisser kräftiger Erdgeruch
. Krause sucht die Stoffe für seine
Bilder im Spreewald, wo immer noch mindestens
ebensoviel originelles Volkstum zu rinden
ist wie in Dachau. Sahen frühere Maler, wie etwa
der Spreewald-Burger in den Wasserdörfern bei
Lübben nur das Ethnographische und Genrehafte,
so geht Krause mehr dem eigentlich
Malerischen nach, ohne bei
seinen Schilderungen auf die
Vorteile zu verzichten, die eigenartige
Trachten und Gebräuche
an sich bieten. Er läßt die Spreewaldleute
in ihren seltsamen
Kleidern beim Kirchgang, im
Hochzeitszug, bei einem Leichenbegängnis
und am stillen
Herd sehen, sucht ihr Wesen,
ihre Stimmungen zu schildern,
und auch die Natur, in der sie
leben. Seine Leistungen sind
nicht alle gleichwertig; aber
einige davon, wie das Interieur
»Am Spinnrad« mit dem alten
Bauernpaar; die Freilichtdarstellung
»Ich gehe dahin des
Weges, den ich nicht wiederkehren
werde« mit den in ihre
weißen, mantelartigen Kopftücher
gehüllten Bäuerinnen,
die einem von blauberockten
Bauern getragenem Sarge folgen
; die an einem hellen Sonntagsmorgen
über eine grüne
Wiese wandelnden drei Kirchgängerinnen
, sind Bilder, die
sich, trotz der malerischen Absichtlichkeit
auf den hübschen
Akkord der bayerischen Landesfarben
in dem Begräbnisbilde,
als ehrliche, tüchtige und selbstständige
Leistungen sofort angenehm
zu erkennen geben. h. von habermann
Und einige pasteliierte Porträts von jungen Bäuerinnen
im Schmucke der altertümlichen Taufhauben
verdienen kein geringeres Lob. Weniger Eindruck
machen Krauses Landschaften, weil die Natur ohne
Menschen den jungen Maler offenbar nicht besonders
lebhaft anzieht. Man kann nur wünschen und hoffen,
daß er nicht nachläßt, sondern in Ruhe fortschreitet auf
dem eingeschlagenen Wege. Die großen Positionen
in der Kunst werden nicht durch glückliche Zufälle
gewonnen — sie wollen in ernster Arbeit errungen
sein. Weniger günstig als Krause führt sich ein
anderer Debütant, der Bildhauer Hans Harry Liebmann
ein, der sich Adolf Hildebrand und Volkmann
zu Führern erkoren. Seiner Bildnisbüste des Herrn
A. kann man nachsagen, daß sie gut auf Licht- und
Schattenwirkungen hin gemacht ist. Die Reliefs und
ein Wandbrunnen »Badende« sind schwächliche und
zum Teil süßliche Leistungen. Hans Bohrdt
produziert die Ergebnisse einer Island- und Nordlandreise
, unter denen sich, wenn auch keine künstlerische
Großtat, so doch manches sympathische
Bild findet. Das Hauptinteresse in dieser Ausstellung
beansprucht ein großer Saal voller Zeichnungen
und Bilder Adolf Oberländer's. Er enthält nicht
viel Unbekanntes, aber eine stattliche Zahl der allerbesten
Schöpfungen dieses einzigen Künstlers, der
als Zeichner wie als Humorist die stärkste Bewunderung
verdient und seit langem erntet. Arbeiten
wie der »Konzertbildhauer«, »Contre im Gefängnis
«, Gotiker und Renaissancier«, »Hagenbeck
kommt« u. a. sind in ihrer Art vollkommen klassisch
und ganz gewiß bedeutender als Oberländers Bilder,
weil der Maler, wenn man vom Inhaltlichen absieht,
ungleich schwächer ist als der Zeichner. Aber es
gibt hier nichts zu kritisieren. Die deutsche Kunst
darf stolz sein auf die außerordentliche Persönlichkeit
, die Oberländer ist, und das Künstlerhaus tat
das modell
Die Kunst für Alle XXI. 233 30
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