http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0321
DERLIN. Nachdem er das Berliner Publikum im
Laufe der letzten Jahre mit den wichtigsten
Schöpfungen der französischen Impressionisten bekannt
gemacht, sucht der Salon Paul Cassirer neuerdings
Interesse für deren großen Vorläufer Gustave
Courbet zu werben. Das ist nicht schwer, weil
durch Leibi und Trübner für das Verständnis von
Courbets Kunst wirksam vorgearbeitet ist. Leider
läßt sich die Bedeutung des ausgezeichneten Künstlers
an der Hand der im Kunsthandel befindlichen
kleineren Werke weniger gut klarlegen, als auf
Grund seiner in französischen Museen befindlichen
umfangreichen Schöpfungen, die trotz ihrer Dimensionen
doch nicht zu den >Maschinen« gezählt
werden können, weil sie in jedem Zoll das Malgenie
ihres Urhebers erkennen lassen. Aber immerhin
: Die Tatze des Löwen offenbart sich auch in
jenen Bildern Courbets, welche das übliche
Format haben. Courbet hat vielleicht auch das mit
Leibi und Trübner gemein, daß es ihm versagt ist,
die unmittelbaren Aeußerungen des Lebens überzeugend
zur Darstellung zu bringen. Seinen Bildern
, auch den besten, haftet, was Ausdruck und
Bewegung angeht, in der Regel etwas Stillebenartiges
an. Die Natur hält auf seinen Gemälden
immer für den Augenblick, da er sie nachschuf,
den Atem an. Das ist das, was ihn am meisten
von den Impressionisten unterscheidet, jedenfalls
mehr als die dunklere Farbe. Und vielleicht ist es
die stillebenartige Ruhe auf Courbets Bildern, die
ihn in den Ruf gebracht hat, mit Farbe zu »mauern«.
Bei einem Künstler, der so enorm produktiv war,
wie der Meister von Omans, ist es kein Wunder,
daß seine Arbeiten von ungleicher Qualität sind,
daß neben wahrhaften Meisterwerken sehr gleichgültige
Dinge stehen. Die Ausstellung bei Cassirer
bietet Beispiele dafür nach beiden Richtungen. Das
Glanzstück darin ist das Porträt eines weißen, braungefleckten
Kalbes in halber Lebensgröße in einer
Landschaft, eine Tierschilderung, die es in jedem
Sinne mit Potters berühmtem »Stier« aufnehmen
kann, ja ihn durchaus übertrifft, sowohl als treueste
Wiedergabe der Wirklichkeit, wie auch als aller-
schönste Malerei. Wie sich das Licht in dem
weichen Fell fängt, wie frisch die Natur ist, in
der das Tier steht — das darf einzig genannt
werden. Gleich danach muß eine »Marine« hervorgehoben
werden. Bewegte See, die zu Füßen
einer einsamen Pappel schäumt. Beide Bilder unterscheiden
sich von den übrigen hier vorhandenen
Werken des Künstlers besonders dadurch, daß sie
in der Tat voller Leben sind und den Beweis liefern,
daß Courbet in glücklichen Stunden auch den Reiz
des Momentanen zu fassen wußte. Wie tot wirken
neben dieser »Marine« seine verschiedenen »Wellen«
hier! Die ausgestellten Landschaften sind zum
Teil sehr dunkel. Am meisten Vorzüge haben eine
aus der »Umgegend von Interlaken« mit einer unter
Felsen an einem Wasser liegenden Hütte und eine
großartig empfundene bläulichweiße Schneelandschaft
. Von Courbets glänzender Fleischmalerei
gibt eine am Waldesrand »schlafende Nymphe«
eine vorteilhaftere Vorstellung als eine »Badende«,
die ihren Rücken zeigt. Von Bildnissen findet
man das aus der Pariser Centennale bekannte »Bildnis
des Bildhauers Duboeuf« mit dem leuchtend
Die Kunst für Alle XXI.
257
33
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0321