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-*=^> DIE DEUTSCHE JAHRHUNDERT-AUSSTELLUNG <^=^
PHILIPP VEIT (1793—1877) SELBSTBILDNIS IM 80. LEBENSJAHR
Deutsche Jahrhundert-Ausstellung Berlin 1906
idealen Kernes von Männlichkeit oder Empfinden
keineswegs entbehrte, erblühte, zum
Teil im Verborgenen, zum Teil unter wohlverdienter
Popularität, eine Fülle von Selbständigkeit
und gesundkräftiger Eigenart bei
mehr oder weniger naiver Ursprünglichkeit,
die dem Leistungsvermögen der Nachbarländer
nichts weniger als nachstand."
Das klingt nicht nur wie ein Programm,
sondern wie die Erfüllung eines Programms.
Allerlei Gedanken drängen sich uns auf, viele
zustimmende; aber auch einige zweifelnde
rühren sich in der Brust. Mit feinem Urteil
hat der Redner das Gewicht auf die Vorführung
der ersten Hälfte des Jahrhunderts
gelegt. Dies ist das strittige Gebiet, strittig
mehr für die rückschauende Wissenschaft
denn für das Leben. Sicherlich wird die Beibringung
so zahlreicher künstlerischer Dokumente
, wie sie hier dem Eifer und der Ausdauer
, zum Teil dem Spürsinn und der Entdeckerlust
glücklich gelungen sind, der ruhigen
und gerechten Bewertung jener uns schon
recht ferne liegenden Jahrzehnte den Weg
weisen. In dieser geschichtlichen Materialanhäufung
liegt der Schwerpunkt der Veranstaltung
. Dann darf es aber wohl auch
ausgesprochen werden, daß die freilich viel
zündender einschlagende Ausstellung von
Werken aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts
, die schließlich doch Gegenwartskunst
sind, bei allem Glanz und allem Reiz,
minder in Betracht kommen kann. Die Leibis,
Böcklins, Feuerbachs, Liebermanns usw.
sind unser tägliches künstlerisches Brot. Die
Zusammensetzung dieser Abteilung mag
zudem manchen weniger vollständig bedünken.
Zum mindesten ist alles, was ausgestellt ist, fein
gewählt. Für ein gewisses theoretisches Interesse
, einen historischen Sauerteig, ist aber auch
hier gesorgt durch das Problem Marees, das
breit aufgerollt erscheint. Marees wirkte,
so lange er lebte, nur auf einen kleinsten
Kreis, als Anreger; jetzt wirkt er auf die
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