Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 296
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-5^> DIE DEUTSCHE JAHRHUNDERT-AUSSTELLUNG *C^=^

PETER FENDI (1796-1842)

Deutsche Jahrhundert-Ausstellung Berlin 1906

Vom hohen Norden Deutschlands her, aus
Hamburg, kam ferner auf die Ausstellung die
Lichtwark- Schule, wie ich sie nennen möchte,
eine Gruppe Hamburger Künstler zumeist aus
dem Anfang des Jahrhunderts. Dieser durch
Lichtwarks Bemühungen geradezu von gänzlichem
Vergessen erretteten lokalen Kunstübung
zog, bevor sie sich hier im Zusammenhang
der ganzen deutschen Jahrhundert-Ueber-
schau präsentierte, bereits ein bedeutender
Ruf voraus. Lichtwark selbst hat über diese
Künstler in verschiedentlichen mehr oder
weniger dicken Büchern zu uns geredet, in
jener wohltemperierten, einnehmenden Sprechweise
, einer Getreuen Eckart-Sprache, einem
Tonfall, wie man sich zu wohlerzogenen
Knaben wendet; er persönlich hat ferner vielen
von uns mit der liebenswürdigen, lehrsamen
Mitteilsamkeit, die seiner Persönlichkeit so
gut ansteht und die jeden Widerspruch unmittelbar
entwurzelt, den Cicerone vor seinen
Bildern gemacht. Kein Mensch kann indessen
auf die Dauer gegen seine Natur. Und jetzt,
wo Papa fortgegangen, sehe ich mir die allerliebst
vorgestellten Kinder und Schoßkindchen
doch etwas schärfer und kühler an.

Den kräftigen Auftakt macht Ph. O. Runge.
Er hat aber, nach den gewaltigen Anpreisungen,
in Berlin ganz allgemein enttäuscht. So viel
ich sehe, ist bloß der Kraftmensch Lovis

MUTTERSORGEN

(weshalb Lovis?) Co-
rinth für ihn eingetreten
. So recht in Betracht
kommen kann
einzig die lebensgroße
Bildnisgruppe seiner
Eltern. Es wäre unrecht
, nicht das ringende
Wollen in der
von jeder Konvention
freien, herben und
ehernen Zeichnung
und Modellierung anzuerkennen
. Aber das
eigentlich malerische
Unvermögen liegt zu
offen am Tage. Das
Bild ist wie mit Eisenrost
gemalt. Man
möchte glauben, es
habe längere Zeit in
unmittelbarer Nähe
einesglühenden Ofens
gehangen, es sieht aus
wie geschmort. Hamburger
Räucherware,
bemerkte ein Spaßvogel
. Lichtwark deutet
an, das Kolorit sei durch wiederholte
Abreibungen mit Oel wahrscheinlich verdorben
worden. Aber auch so kann man seine Ueber-
zeugung, in diesen und ähnlichen Bildern
Runges wäre bereits die stolze Errungenschaft
einer viel späteren Zeit: das berühmte „Luft
und Licht", vorweggenommen, nur unter
der Annahme einer Autosuggestion erklären.
Muther hat ihm das nachgesprochen.

Außerordentlich interessant sind nun die
Hamburger Nazarener. Es ist dies eine kleine
Gruppe von Künstlern, ungemein frühreife Begabungen
, die, unbeengt von akademischer Anleitung
, als ernste Knaben und Jünglinge ihr
bestes gaben, aber alsbald versagten. Die
Ausstellung ihrer Hinterlassenschaft mutet
an wie ein Kirchhof rasch dahingewelkter
Talente. Daß die Berührung mit dem Akademismus
und daß vor allem der Einfluß des
Nazarenertums, mit seinen Polypenarmen unbegreiflich
geisterhaft bis in die Knabenkreise
der Hansastadt ausgreifend, hier die ursprünglichste
und verheißungsvollste, die recht eigentlich
autochthone deutsche Kunst einfach geknickt
habe, daß hier ein Frühling durch diese
beiden Elemente unaufhaltsam weggeschneit
worden sei, das scheint mir nicht glaubhaft.
Ein Menzel, ein Böcklin, ein Leibi hat sich
durchgesetzt aller Welt und allem Schicksal
zum Trotz. Nein: es waren eben doch hohle

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