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-^43£> DIE DEUTSCHE JAHRHUNDERT-AUSSTELLUNG »(^^
Nüsse. Die Sachen, die hübschen Sächelchen,
die wir hier zu sehen bekommen, sind freilich
recht merkwürdig. Die Bildnisse, mehr noch
die bloß gezeichneten als die gemalten, verdienen
höchstes Interesse, besonders als Zeugnisse
der Zeit. Im Grunde genommen haben
Overbeck, Veit, Schnorr, Cornelius usw. ganz
in derselben Art Porträtköpfe gezeichnet,
vielleicht etwas mehr stilisiert als jene Hamburger
Knaben, so daß die Zeichnungen der
letzteren den Reiz unberührter Frische voraus
haben. Ja, selbst Schwinds Bleistiftporträts
zeigen noch den blutsverwandten blutlosen
Zug. Wir finden bei den Hamburgern
Selbst-, Onkel- und Tanten-Bildnisse. Man
weiß bald nicht mehr, habe man „Tante
Elisabeth" oder „Tante Katharina" vor sich,
so gleichförmig wirken sie alle bei aller Individualisierung
im einzelnen. Die weiße
Haube ist die Signatur. Uebrigens die Signatur
dieser biederen Zeit überhaupt. Im
untersten Geschoß der Ausstellung habe ich
bloß sechs Tantenhauben gezählt, dagegen in
den oberen Räumen, wo die Kunst der ersten
Jahrhunderthälfte ausgestellt ist, über sechzig.
Es ist eine wahre Glorifikation der Erbtante
. Alle diese Hamburger Porträtisten
zeichnen ungemein intim, innig, keusch und
gemütvoll, aber schließlich ist es doch nur
eine gewisse philiströse Gemütlichkeit. Das
Spießbürgertum kann in der Kunst nur bei
humoristischer Steigerung goutiert werden.
Wenn es, wie hier, als Selbstrechtfertigung
auftritt, so wirkt das doch oft geradezu abstoßend
. Wie mancher der von Lichtwark
so gefühlvoll angeschwärmten Tanten schaut
die dumpfe Herzlosigkeit greisig - eisig zum
Auge heraus. Das Kolorit ist zaghaft wie ein
schreckhaftes Kaninchen, es duckt immer unter.
E. Speckter, bei dem der Nazarenismus in Hamburg
einsetzte, verrät in seinem gezeichneten
Knaben-Selbstbildnis geradezu etwas Duckmäuserisches
. Während noch Graffs Bildnisse
ein unbekümmertes weltfrohes Geschlecht
wiedergeben, das Feuer im Blick
hat und Fleisch auf den Wangen, wird im
Porträt der Nazarener alles schärfer, dünner,
spitzer, starrer im Sinne der Geistigkeit. Die
Verlegenheit, mit Farbe zu hantieren, und
die konzentrierte Energie, die Plastik des
Unsichtbaren durch gezeichnete Form heraus-
zuzwingen — alles dies für die führenden
FERDINAND WALDMÜLLER (1793—1865)
EMPFANG METTERNICHS DURCH
ALEXANDER II. IN WIEN « ««««
Deutsche Jahrhundert-Aasstellung Berlin 1906
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