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■^4sö> DIE DEUTSCHE JAHRHUNDERT-AUSSTELLUNG ^C^^
uns wirklich kennen gelehrt. Es ist eine Ueber-
raschung. Er war, wie man zu sagen pflegt,
Architekturmaler, Schüler von Gropius. Das
Berliner königliche Schloß ist der Mittelpunkt
seiner Tätigkeit. Er malte die Außenseiten
, die Schloßhöfe, die Portaldurchblicke,
die Wendeltreppen. Ueber die atmosphärischen
Probleme war er sich bereits ganz
klar. Und mit staunenswerter Meisterschaft
führt er, wohl im Anschluß an Beiotto, das
Sonnenlicht über die Fassaden, um die Säulen
herum, durch die hohen Torwölbungen.
Meisterhaft ist ferner der farbige, ganz durchsichtige
, bläuliche Schatten, den er über die
von der Sonne abgekehrten Gemäuer breitet.
Es ist alles in Luft gehüllt: nur die Staffage
nicht, die daher etwas aus dem Ensemble herausfällt
. Der Blick die „Linden" entlang, vom
Denkmal Scharnhorsts aus, beim letzten Aufglühen
der Abendröte, enthält bereis alles, was
ein Pleinairist sehen und malen kann, den noch
keine Ahnung von Impressionismus überkam.
Die größte Ueberraschung aber dürfte doch das
aus Petersburg hierhergesandte „ Panorama von
Berlin" sein, aufgenommen vom Dache der
Werderschen Kirche. Man traut seinen Augen
nicht, daß so etwas 1835 gemalt sein soll.
Ich kann mir nur denken, daß bei einem
„Panorama" eben im Gegensatze zum
sogenannten „Bilde" — jeder letzte Rest von
Konvention wegfiel und der Künstler sich
berechtigt oder sogar verpflichtet fühlte, ganz
die Natur nachzutäuschen, wie er sie vor
sich hatte.
W.Brücke d.J.(aus Stralsund), J. H. Hintze
(aus Berlin) und Roch (woher?) bleiben in
ihren Berliner Ansichten weit, meilenweit
hinter Gärtner zurück. Der universelle K. F.
Schinkel (aus Neuruppin) verrät in seinem
Rügenschen und seinem Haff-Panorama wenigstens
den verwandten Zug.
Die ausgestellten Bildnisse von K. W. Wach
(aus Berlin) und E. Magnus (aus Berlin)
stammen aus der späteren Zeit dieser Künstler.
Wachs Prinzessinnenporträt ist bei aller angestrebten
Grazie noch zeremoniell befangen
und künstlerisch recht unbelebt. In Magnus'
Jenny Lind-Bild aber webt etwas von dem
Mondlichtzauber und Nachtigallflöten, das nun
einmal für uns alle, die wir sie ja freilich
nicht mehr sehen und hören konnten, diese
Gestalt umgibt. Derlei besonders gilt als
spezifisch deutsches Kunstempfinden. Und
es ist auch wirklich annehmbar gemalt.
E.Meyerheims (aus Danzig) „Kegelgesellschaft"
von 1834 - Kegelschieben ist das nationale
Gegengewicht zur Schwärmerei — gibt offenbar
lauter Bildnisse wieder, die wir aber nicht
ADOLF VON MENZEL (1815—1905)
FAMILIENGRUPPE IM ZIMMER BEI LAMPENLICHT
Deutsche Jahrhundert-Ausstellung Berlin 1906
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