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■^sö> DIE DEUTSCHE JAHRHUNDERT-AUSSTELLUNG «C^=^
wenigen Werken auf der Jahrhundert-Ueber-
schauung vertreten, darunter dem auch technisch
-malerisch besonders guten „Im Hause
des Künstlers", wo die beiden als Damen
kostümierten Melusinen den Reiseplan auf
der Landkarte aushecken. Ich kann es jedoch
nicht verhehlen, daß sein „Aschenbrödel", als
Zyklus in einem Rahmen, das umfangreichste
der hier von ihm aufgenommenen Werke, kaum
dazu beitragen wird, der etwas bedrohten künstlerischen
Bewertung des vielteuren Meisters
einen Schutzdamm vorzubauen. Wir sind
Schwind tiefe Pietät schuldig. Man soll aber
nicht vergessen, daß er selbst im Aburteilen
über andere nicht eben zimperlich gesinnt war.
Dieses Aschenbrödel-Mosaik, wirkend wie die
Zierwand eines Konditorladens, deutsche Märchenstimmung
„vereinigt" mit pompejanischem
Aufputz, scheint uns denn doch nicht mehr
möglich. Ich will aber gerne zugeben, daß ich
alsbald wieder ausgesöhnt bin, wenn ich die
Aschenbrödelbilder für sich allein als unfarbige
Lichtdruckreproduktionen vor die Augen bekomme
.
Ganz zu Hause, das heißt mitten in unserem
heutigen malerischen Empfinden, sind wir im
Spitzweg-Zimmer. 42 Bildchen sind von ihm
zu sehen. Und es ist ein Vergnügen, sie zu
betrachten. Es ist nicht so sehr das Gegenständliche
, das ihn freilich populär gemacht
hat und das wir uns ja gerne gefallen lassen,
was uns bei ihm anzieht, als vielmehr das
hervorragende Malenkönnen, eben das, was
uns jeden guten alten und ebenso jeden guten
modernen Meister verehrungswert macht, also
dasjenige, was schließlich über allen Zeitströmungen
als der bleibende künstlerische Wertmesser
bestehen bleiben wird. Er mag gemütvoll
-humoristisch sein im „Storch", romantisch
in der „Serenade", philiströs-faustisch im „Naturforscher
" oder gegenständlich ganz modern
im „Frauenbad zu Dieppe" — immer bleibt
er uns gleich lieb. Indessen möchten wir dem
letzten Bildchen doch den Vorzug geben, dieser
GABRIEL MAX
Deutsche Jahrhundert-Ausstellung Berlin 1906
327
DIE SCHWESTERN
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