http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0405
-*=^=tf> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^=^
johann p. hasenclever (1810—1853) das lesekabinett
Deutsche Jahrhundert-Ausstellung Berlin 1906
kritischen Augenblick des Kampfes. Jedenfalls ist
ein bedeutenderes Bild von Courbet den Berlinern
noch nicht vorgestellt worden.
Eugen Bracht zeigt im Künstlerhause eine
Anzahl neuer Schöpfungen. Neu auch in dem Sinne,
daß man den Künstler kaum wiedererkennt, so weit
hat er sich von seiner bisherigen Art entfernt. Seine
Stimmung ist freudiger, seine Palette lichter geworden
und seine Motive wirken weniger pathetisch.
Nicht alles ist ihm in dieser neuen Richtung gelungen
. Am wenigsten die Schilderungen von Städten
und Schlössern, die er vielfach versucht hat. Es
haftet diesem Colditz, diesem Schloß Rochlitz im
winterlichen Kleide etwas Trockenes, Unlebendiges
an. Es fehlt diesen Architekturen malerisch das
Ueberzeugende. Man sieht sie dargestellt, ohne sie
sich recht wirklich vorstellen zu können. Aber
nicht etwa der Winter und der Schnee lassen sie
kalt erscheinen; denn ein >Winterabend«- über Hügeln
, zwischen denen, von einer Brücke überspannt,
ein träges Wasser fließt, ist Brachts bestes Bild
hier, und e'n sonniger >Wintermorgen« mit blauen
Schatten auf dem weißen Schnee, sowie ein >Steg«
in ähnlicher Stimmung lassen erkennen, wieviel
Reize der Künstler dieser Jahreszeit abzusehen vermag
. Sein ehemaliger Schüler Hans Licht hat
sich leider nicht weiter entwickelt. Die hier vorhandenen
Landschaften lassen eine Vorliebe für
grobe Effekte und glänzende Farben mehr auffällig
als erfreulich hervortreten. Am erträglichsten ist
noch ein ganz im Sinne der Berliner Brachtschule
gemalter >Blick auf den schmalen Luzin-See«. Eine
recht vorteilhafte Meinung erweckt mit seinen Leistungen
ein homo novus, A. Lamm. Aus Lieber-
mannscher Farbe — d. h. jener der achtziger Jahre -
und Trübners breitem Strich ist hier durch Berührung
mit einem männlich-melancholischen Temperament
etwas Neues entstanden, vielleicht noch
nicht sehr reif, aber doch in sich fest und bestimmt.
Es handelt sich in der Hauptsache um Landschaften
mit fränkischen Motiven — »Niedenstein«, >Wisent-
Tal«, die >Heidenstadt« —, alle sehr ernsr, fast geheimnisvoll
. Dann aber hat Lamm versucht, in
einem »Tristan«, der wund und verschmachtet auf
der Terrasse seiner Burg in einem Sessel sitzt, das
Wagnersche >Im Sterben mich zu sehnen, vor
Sehnsucht nicht zu sterben!« auszudrücken. Die
Aufgabe liegt gewiß jenseits des durch die Malerei
zu Erreichenden. Dennoch ist es dem Maler bis
zu einem gewissen Grade gelungen, die trostlos
bange Stimmung der >alten Weise« in der Landschaft
widerklingen zu lassen, auch in die Erscheinung
des Tristan etwas zu legen, was ohne Vordringlichkeit
ergreift, und sogar die Erinnerung an
das Theater hintanzuhalten gewußt. Wenn auch dem
Ganzen vielleicht ein wenig Größe mangelt, so
unterscheidet sich Lamms Bild doch sehr angenehm
von denen anderer Maler, die ähnliches zu geben
suchten. In dem Landschafter A. Metz lernt man
ein sprödes, aber immerhin selbständiges Talent
kennen, das sich seinen Weg zwischen Thoma und
Karl Haider sucht. Sein Bestes bietet der Künstler
in einer lichten Frühlingslandschaft, in der unter
einem üppig blühenden Kirschbaum ein Putto sitzt.
Von A. von Brandis sieht man eine Reihe von
Interieurs nach Motiven aus Ludwig Dills Dachauer
Haus und Atelier, denen die gar zu grobkörnige Malweise
einen großen Teil ihres Reizes nimmt, ohne
sie etwa kräftiger oder künstlerischer erscheinen zu
lassen. Recht verfehlt wirkt L. Fahrenkrogs dekorativer
Symbolismus »Dem unbekannten Gotte« —
eine in ein giftig violettblaugrünes Gewand gekleidete
Jungfrau hält eine Goldfunken durch die Finsternis
sprühende Opferschale in die Höhe, während
ein violettbraun gekleideter Jüngling sinnend zu
ihren Füßen sitzt. — Eine Idee und ein grober
335
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0405