Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 348
(PDF, 172 MB)
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-*=4sö> VON WIENER AUSSTELLUNGEN <ö=^v-

Stil gesehen. Oft tritt leider immer noch eine
störende flackernde Grellheit der Farben hervor.
Die Natur erscheint geschminkt, und schlecht geschminkt
, und die Uebertreibung eines Effekts tötet
die reine Wirkung. Es ist wohl zu erwarten nach
den Proben, die Graf diesmal gibt, daß immer stetiger
der Virtuose vom Künstler beiseite geschoben werden
wird.

Wie überall jetzt, wo Kunst sich zeigt, findet
man eine Kreuzung der Tendenzen, der Stile der
technischen Formeln. Jene Einheit aus der Impressionistenepoche
, welche die Wände der Ausstellungssäle
zu Guckkasten der Natur verwandelte,
ist verschwunden. Der Künstler besinnt sich wieder
auf sich selbst, und entwindet sich einer Diktatur,
die ihm unendlich viel Kraft gegeben, aber auch
viel Kraft geraubt hatte. Ein junger böhmischer
Künstler, Jan Preissler, interessiert, weil er versucht
, über die Naturvision hinaus einen tieferen
Schauer auszulösen. In Gegenden, die Phantasie
entdecktund erträumt, bewegen sich sinnende Frauen,
horchende Jünglinge und Kinder, die der Sonne
lächeln. Etwas Vegetatives, etwas mit dem Boden,
auf welchem sie stehen, Verwachsenes haben diese
Gestalten. Als Kolorist vereinfacht Preißler seine
Farbenskala auf weiß-schwarz, welches er mit

wenigen, bald lila, bald grünlich-blauen oder gelbroten
Flecken sehr zart malerisch belebt. Immer
soll durch eine breite, schwarze Fläche, einmal ist's
ein Fels, dann wieder ein See, der tiefe Akkord
seelischer Stimmungen angeschlagen werden. Nicht
gewöhnlich ist auch die Art des Polen Kasimir
Sichulski, der bereits in der Herbstausstellung des
Hagenbundes jene grellen Visionen von ins Dekorative
übersetzten Rassetypen zeigte. Seine Kraft
ist brutal, aber das Rücksichtslose einer Energie
strömt aus. Henryk Uziemblo, auch ein Pole, ist
nicht zu übersehen. Die Handschrift, mit welcher
der Künstler seine naiven Empfindungen niederschreibt
, ist kalligraphisch ungewöhnlich. Er löst
alle Geraden auf und ringelt die Welt. Runde
Wellen und runde Schneeflecke und das Moos der
Dächer in runde Patzen aufgelöst, und Geäst und
Blattzeug und Stein und Weg Kreis in Kreis gebildet
. Aber auf seine Weise hat der Maler recht,
denn er erreicht eine sehr bewegte, sehr lebendige
Wiedergabe.

Noch einige: Irma v. Duczynska bringt unter
anderem das Porträt eines Gelehrten, der als echter
Bücherwurm mit sehr charakteristischer Bewegung
festgehalten ist. Uprka führt uns wieder mit gewohntem
Brio in das Land der herrlichen Kostüme,

zu den Tschecho-Slaven; Luntz
aus Karlsruhe malt wieder seine
stillen, hohen, dunkeln Horizonte
. Manch gutes Bild ist
gewiß sonst noch da. Dann
kommen geschickte Maler, die
irgend jemanden nachahmen,
dann kommen auch solche, die
nicht einmal nachahmen können
und deren handwerkliche Unzulänglichkeit
, deren Unsorg-
samkeit, deren Unverständnis
gegenüber den essentiellen Erfordernissen
bildlicher Kunst
jenen Guten, welchen sie Nachbar
sind, nur schaden. Von
Plastik ist die Genre - Porträtbüste
, dieJosEF Heu von seiner
Mutter machte, zu erwähnen;
ein zu monumentalen Dimensionen
vergrößerter Nippegegenstand
und einige zarte Frauenkörper
des Bildhauers Stundl.

b. z.

anselm feuerbach (1829—1880) des kunstlers mutter

Deutsche Jahrhundert-Ausstellung Berlin 1906

GEDANKEN ÜBER KUNST

Nur die Kunst, die sich vom
Gegenstand unabhängig hält,
ist bleibende Kunst. Das hindert
nicht, daß sie einen bedeutenden
Gegenstand behandelt
, nur muß dann auch der
Hauptnachdruck auf der rein
künstlerischen Darstellungsweise
ruhen. Trübner

Es ist ungeheuer viel Handwerkliches
in der Kunst, viel Erfahrungssache
dabei, viel Probieren
nötig, viel mechanische

Arbeit. Böcklin
*

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