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-*=4s£> DIE FRÜHJAHR-AUSSTELLUNG DER WIENER SEZESSION <^=^
sucht.*) Seither sind
mancherlei Entwürfe
zur vollendeten Tatsache
gediehen, und
weitere Aufgaben haben
zur Lösung neuer
Probleme herausgefordert
. Neben dem
Konkurrenz - Entwurf
für die Handelskammer
in Wien, der
noch einmal die Verti-
kal-Tendenz der Gliederung
zu eigenartigem
Ausdruck bringt,
unddem fürdieHaupt-
post in Innsbruck, wo
man im letzten Augenblick
doch nach der
teureren amtlichen
Schablone baut, neben
diesen monumentalen
Zweck-Konstruktionen
werden uns die
Wohnhäuser Privater
durch alle erdenklichen
Darstellungsmittel
vorgeführt. Den
Fachgenossen kann ja
der Architekt durch
eine papierene Demonstration
viel eher
seine Absichten klar-
machenals dem Laienpublikum
einer öffentlichen
Ausstellung, wo
es von den Gemälden und Plastiken herkommt,
die in ihrer Realität einleuchtend sind. Um
die architektonischen Organismen zu erklären,
werden sie zergliedert, durch Grundrisse und
Durchschnitte, welche die sachgemäße Gebrauchstüchtigkeit
, die sinnvolle Aufeinanderfolge
der Räume dartun. Um die Raumwirkung
an sich zu verdeutlichen, dazu helfen
freilich weiter die Photographien; aber bloß
eine ausführliche Beschreibung wäre imstande,
von dem Farbenreichtum, welchen Bauer in
der Ausstattung aufwendet, von den Vorzügen
der Vorkehrungen, welche der Behaglichkeit
und den persönlichen Bedürfnissen der Bauherren
dienen, eine Vorstellung zu geben.
Die künstlerische und die praktische Ausgestaltung
sind immer untrennbar verbunden;
die Stilfrage beantwortet sich dann von selbst,
ohne daß an Einzelheiten herumgeraten würde.
So hat sich bei Reihenhäusern — in Hietzing
miescislausjakimo
Frühjahr-Ausstellung
*) »Dekorative Kunst«, Dezember-Heft 1904.
nächst Wien — eine
Formel für das Ein-
familien-Miethaus ergeben
, die es erlaubt,
bei voller Ausnützung
des Baugrundes, eine
ganze Flucht solcher
kleiner Fassaden
rhythmisch zu binden.
Mehr Freiheit durfte
bei dem Entwurf für
einzelstehende Landhäuser
vorwalten, wo
allein das landschaftliche
Bild und eine
gewisse Tradition zu
berücksichtigen waren
. Bauer scheut darum
keineswegs davor
zurück, ein barock gebrochenes
Dach auf
das Mauerwerk zu
setzen, das er durch
sein beliebtes Motiv
des ornamentalen und
bunten Mörtelschnitts
belebt. Das plastische
Modell eines derartigen
Landsitzes(in Altstetten
) veranschaulicht
sinnfälliger, als
es die zeichnerischen
Atelier - Darlegungen
vermögen, die perspektivischen
Reize
und die Flächenaufteilung
einer weitläufigen Anlage.
Endlich die Phalanx der polnischen Künstler,
denen, räumlich getrennt, ein Trüpplein Krakauer
Phantasten das Feld bestreitet. Das
Gleichgewicht, auch der Ausdrucksfähigkeit,
scheint nur Miecislaus Jakimovicz (Abb.
S. 393) erreicht zu haben, der seine schwebenden
Stimmungen, gemischt aus Wirklichkeit
und herübergreifendem Jenseits, in verdämmernd
feinen Zeichnungen festhält. An Intensität
des Ausdrucks ist ihm Jan Rembowsky
(Abb. S. 404) ebenbürtig, obwohl er ins grob
Phantastische übertreibt. Mystik verspürt man
noch in den Bildern Vlastimil Hofmann's,
aber schon stört die Zwiespältigkeit, selbst der
technischen Ausführung, die eine primitiv hart
durchgebildete Gestalt mit einer pastos breit
hingestrichenen auf derselben Tafel vereinigt.
Witold Wojtkiewicz malt hingegen mit
breiter Fleckwirkung Rätsel-Grotesken, ironische
Fratzen, z. B. das „Pathos" als Bajazzo-
Vogelscheuche inmitten einer Blumenwiese.
vicz das ich
der Wiener Sezession
Die Kunst ftlr Alle XXI.
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