http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0476
ZUR KRITIK DER KRITIK
Von Eugen Kalkschmidt
Wer kein Freund von Sezieren ist, den
mag wohl eine Gänsehaut überlaufen,
wenn ihm zugemutet wird, sich die Anatomie
anatomisch zerlegen zu lassen. Gleichviel,
diese Dame kann es ja auch einmal bedürftig
sein, wie nicht minder ihre große Feind- und
Freundschaft. Für heute nur einiges Wesentliche
zur Erinnerung.
Brauchen wir denn eine Kritik in Sachen
der Kunst? Die Frage klingt gewiß manchem
sonderbar, weil längst überlebt: natürlich
brauchen wir eine! Es gibt aber doch, wird
man einwenden, und gerade gegenwärtig bei
uns, eine ganze Anzahl aufgeweckter Leute,
die von dieser Naturnotwendigkeit der Kritik
nichts wissen, die nur im eigenen Gefühle
selig sein wollen, weil sie an sich erfahren,
daß der kritische Erkenntnisdrang die Fähigkeit
zum Genüsse herabmindere, den Dingen
der Kunst gleichsam Glanz und Duft
RICHARD POLLAK-KARLIN IM WARTEZIMMER
Frühjahr-Ausstellung der Wiener Sezession
raube. Sie fragen dann weiter: Welchem
rechten Künstler habe die Kritik je geholfen?
Ihm je etwas gewiesen, was er nicht aus sich
besser wüßte? Dagegen: wie vielen unwiederbringlichen
Schaden habe das leichtfertig absprechende
Geschwätz, das durch die Suggestionskraft
der Druckerschwärze zu etwas
Allgemeingültigem befördert werde, nicht schon
angerichtet, indem es verdienstlichem Schaffen
den nährenden Boden entzog, den Künstler
zu feiern oder zu handwerkern zwang? Dummheiten
für sich allein zu begehen, sei ja nicht
gut, aber doch auch nicht eben schlimm. Tausende
aber zur Mitschuld zu verleiten, sei unverantwortlich
. Die Kunst, ein freies Geschenk
von Gottes Gnaden, müsse als solches dankbar
und freudig begrüßt und nicht erst lange
bepocht, beklaubt und schließlich preisgemäß
bewertet werden „Gefühl ist alles . . . ."
Unter denen, die so sprechen, werden wir
unterscheiden müssen. Da sind zuerst
die Instinktlosen, die „guten
Kerle". Mit einer ungeheuren, aber
leider meist unglücklichen Liebe
zur Kunst ausgestattet, müssen sie
überall dabei sein und überall mitlaufen
im Sturme gegen das stumpfsinnig
niederträchtige Philisterium,
das sich mit Grausen von allem
wendet, was dem anständigen Herkommen
nicht gemäß ist, diese
Kunstwütigen —■ die „Moderni-
tischen" hat man sie treffend getauft
— wissen ja zum Glücke
nicht, daß sie selber nur eine neue
Abwandlung ebendesselben Philistertums
darstellen, welches sie so
feurig bekämpfen. Denn das typische
Kennzeichen solcher Naturen
so rechts wie links ist doch
am Ende das „Unbedingte", gegen
das sich mit Gründen nichts ausrichten
läßt, ist ein Mangel an
Kraft des Geistes wie der Sinne,
und demzufolge ein Mangel an Urteilskraft
. Daß dieser Mangel dann
durch ein erhöht zur Schau getragenes
Selbstvertrauen verdunkelt
werden soll, ist aus dem instinktiven
Schutzbedürfnisse des von
der Natur aus Schwachen leicht
genug zu erklären.
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