http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0477
-b=^> ZUR
KRITIK DER KRITIK <c^=-
Auf der anderen Seite nun tritt
uns der Widerspruch gerade von
dorther entgegen, von wo er kaum
erwartet werden sollte: aus den
Kreisen der Künstler, und nicht
immer der schlechtesten. Sie sagen,
die Kritik verderbe ihnen das Publikum
, da sie diesem die Unbefangenheit
raube, es mit Vorurteilen
, mit allerhand kunstwissenschaftlichen
Maßstäben ausrüste,
während doch jedes Kunstwerk
aus sich selbst heraus beurteilt
werden müsse, und das um so
mehr, je bedeutender es sei. Sie
berufen sich auf das gesunde Empfinden
des einzelnen, auf das gefühlsmäßig
sicher erkannte Gesetz
der Wahrheit und Schönheit, das
jedem eingeboren sei. Und gerade
diese Anschauung ist sehr begreiflich
, wenn man bedenkt, wie der
Künstler die Einsicht, die er auf
Grund langjähriger Arbeit nach und
nach gewonnen, meist als selbstverständliche
Voraussetzung auch
für den Laien ansehen wird. Ueber
gewisse Dinge, zum Beispiel über
die Beherrschung der technischen
Mittel, wird es bei den Künstlern
wenig Meinungsverschiedenheiten
geben. Um so größer freilich
pflegen sie sich da einzustellen,
wo das gewertet werden soll, was
als Zweck aus den Mitteln herausschaut
. Da findet der eine das
Wesentliche Böcklins in dessen
prangender Farbe, also im technischen
Mittel, und er stützt sich
auf das Zeugnis des Meisters selbst,
der bekanntlich diesen Fragen sein
stärkstes offenkundiges Interesse
entgegenbrachte; daß er es freilich
nur tat, um das Unausgesprochene
und Unaussprechliche, das er innerlich
schaute, so vollkommen wie
möglich darzustellen, wird dabei
außer acht gelassen. Es ist bekannt
, daß es manchen tüchtigen
Bildhauer gibt, der durchaus nicht
einzusehen vermag, was etwa Max
Klingers Skulpturen weiter Bedeutendes
, seelisch Großes offenbaren
sollen; wenn es hoch kommt,
wird der differenzierte Naturalismus
der Form bei ihm anerkannt.
Und eben Max Klinger selbst bewundert
die technisch exakten Ra-
399
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_13_1906/0477