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-^4^> DIE XI. AUSSTELLUNG DER BERLINER SEZESSION <<^=^
LUDWIG V. HOFMANN DIONYSISCHER ZUG
Ausstellung der Berliner Sezession
man meint, eine unbekannt gebliebene antike
Arbeit, ähnlich den Figuren vom Giebel des
Olympischen Zeustempels, zu sehen. Bei
näherer Betrachtung merkt man freilich, daß
das Weib dicker ist, als es die griechischen
Bildhauer darzustellen liebten, und außer anderen
Mängeln, daß der aufgestützte Arm des
Handgelenks entbehrt. Aber trotzdem : Diese
Arbeit hat in dem, was sie gibt und verschweigt
, einen Stil, wie er von Wenigen erreicht
worden ist; einen Stil, den nicht der
Verstand, sondern das Gefühl gefunden hat,
und der dem der Antike überraschend nahe
kommt, ohne ihn zu imitieren. Und, obgleich
diese Ruhende keine abstrakte Erscheinung
ist vielmehr zweifellos ein
üppiges, modernes Weib, ist die Auffassung
bei aller Eigenart bewunderungswürdig groß
und rein. Bleibt nur die Frage, ob sich
dieses erstaunliche Talent soweit in der Gewalt
hat, daß es auch zur sachlichen Vollendung
gelangen wird. Die kleineren Arbeiten
Maillols, eine fast ägyptisch wirkende
Holzfigur und ein paar kleine Bronzen, könnten
Zweifel erregen, wenn man nicht annehmen
müßte, daß sie vor jener merkwürdigen
großen Schöpfung entstanden sind.
(Der Schluß folgt)
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