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-^s£> DIE GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1906 <^v-
die das verwaiste Kindlein mütterlich an ihre Brust
drückt, bei aller guten Malerei doch das Psychologische
im Vordergrund stehen — in seinem großen
Bilde »Julia Capulet<, die, vom Schlaftrünke überwältigt
, von Blumen umgeben, auf ihrem Lager ruht,
offenbart sich ein glänzender Kolorist. Diese Symphonie
von einem blauen Grün und einem gelben
Rot ist über alle Begriffe schön und des größten
Meisters würdig. Welch ein wundervolles Talent
ward hier durch den Kunsthandel zerstört! Auch
Hans Makart kommt hier sehr gut zur Geltung.
Sein Bild der »Wolter als Messalina« hat zwar Stil
und Größe; als Malerei aber und als schöne Farbe
dürften das Bild einer Wiener Schönheit in purpurfarbenem
Renaissancekosiüm und die auf Eidechsengrün
gestimmte »Falkenjägerin« höher zu stellen
sein. Von Wilh. Leibl — um die Piloty-Schüler
zusammen zu nennen — sieht man, außer vielen unbedeutenderen
Leistungen, das Manethafte Bildnis
einer jungen Dame aus dem Besitze seines Schülers
Dr. Schider und das vor kurzem hier erwähnte
Holbeinartige Bildnis des Malers Ed. Fischer. Von
den vorhandenen Schöpfungen Lenbach's verdienen
das großzügige Bildnis von Helmholtz und die Ueber-
tragung des Rembrandtschen Saskia-Porträts auf ein
in Renaissancetracht gemaltes Frl. v. Wertheimstein
hervorgehoben zu werden. Adolf Menzel ist u. a.
durch das köstliche, hier vor einiger Zeit beschrie-
BERNHARD PANKOK
Ausstellung der Berliner Sezession
bene Schießscheibenbild >Taube und Falke< und
das auf dem Plakat der Ausstellung wiedergegebene
lebensgroße Bildnis Daniel Chodowieckis vertreten,
das wie ein Porträt der Zeit anmutet und unerhört
lebendig wirkt. Uhde wird durch den >Weg nach
Bethlehem<, die Studie eines kleinen Mädchens »Im
Vorzimmer< und das große Bild »Lasset die Kindlein
zu mir kommen« ganz ausgezeichnet repräsentiert
, während Liebermann's kleine >Schweinefütterung
« von dem Umfang der Begabung des Berliner
Meisters nur eine sehr dürftige Vorstellung gibt.
Dagegen ist Knaus wieder ergiebiger vertreten als
man in seinem Interesse wünschen möchte. Den
besten Begriff von seinem Talent geben einige Porträts
. Bocklin's große Kunst offenbart sich in
seiner prachtvollen »Römischen Landschaft« entschieden
besser als in dem nicht ganz einwands-
freien »Cimbernkampf«. Von Dreber sieht man ein
paar sehr schöne Schöpfungen, und auch der tagebuchführende
Rud. Schick fehlt nicht. Von Feuerbach
findet man ein farbenprächtiges »Kinderständchen«,
ein Bild der »Nanna«, das mehr eine Nackenstudie
ist, und ein ziemlich flaues großes Bild, das eine Unheil
brütende Medea darzustellen scheint. Thomas »Bildnis
von Martin Greif« würde in der National-Galerie
einen interessanten Vergleich mit dem gleichen Porträt
von Trübners Hand ermöglicht haben. Karl Buchholz
hat wieder zahlreiche Bilder hier. Sein 1875
gemaltes »Aufkommendes Gewitter
« übertrifft alles, was man
bisher von ihm gesehen. Diese
wundervolle Luft, dieses seltsam
fahle Licht auf der Landstraße
! Man merkt hier auch an
den trefflichen tiefgestimmten
frühen Landschaften von Paul
Baum und A. Böhm, welchen
Ansehens er sich bei den Künstlern
in Weimar erfreut haben
muß. Vielleicht darf man bei
dieserGelegenheitdem falschen
Gerücht entgegentreten, daß
dieser begabte Maler aus Mangel
an Brot und Anerkennung
in den Tod gegangen ist. Es
hat ihm weder diese noch jenes
gefehlt. Er verließ das Leben
eines unheilbaren Leidens wegen
. Man sieht auch erfreulicherweise
von vielen Berlinern
gute Werke, so von Bracht das
großempfundene »Hannibals
Grab«, von Hoguet ein schönes
Stilleben, von Max Michael
seine prächtige, von Modellen
belebte »Römische Kirchentreppe
«, von Skarbina die
warm und tiefgestimmte »Fischauktion
«, von Paul Souchay
das glänzende Porträt seines
Vaters, des Weinhändlers, und
von Hugo Vogel, der gegenüber
seinen überaus schwachen
Leistungen in dem modernen
Teil der Ausstellung eine Rehabilitation
ungemein nötig hat,
ein frühes ausgezeichnetes Bildnis
seiner Mutter. Mitteilweise
anerkennenswerten Bildnissen
sind auch Ed. Magnus, Ferd.
Schauss, Gustav Richter
und Passini vertreten. Der
diesem gewidmete besondere
familienbild
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