Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 13. Band.1906
Seite: 532
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-*4^> ANSELM FEUERBACH

gekommen waren, vor allen Dingen erst
einmal rücksichtslos gut sehen. Denn dies
bedeutet der ganze breite Strom der französischen
Lehre und Anregung, der nunmehr
seit Jahrzehnten zu uns herübergeflutet
ist und uns auf Wichtiges, Unentbehrliches
hingezwungen hat, die Künstler selber
und das langsamer nachfolgende, nicht so
energisch mit den traditionellen Widerständen
in sich kämpfende Publikum. Wir hatten
ohne das eigentlich noch keine wesensechte
Malerei, sondern nur gemalte Epik und Lyrik,
und hatten keine in sich selbst begründete
Aesthetik der Kunst.

Der Deutsche ist nun zwar zu allen Zeiten
ein rührend gläubiger und gefügiger Kulturschüler
der übrigen gewesen. Aber jeweils

anselm feuerbach

eines Tages packt er dann sorgfältig in seinen
Schulsack, was er gelernt hat, nimmt den mit
auf die starken Schultern, wandert weiter über
Ströme und Berge davon. Was er in sich
erobert hat durch die Fremde, jubelt und
singt nun schon wieder in eigenen Poesien
seiner Jugend heraus, und endlich, wenn er
an sein Meisterstück geht, kann er von seiner
Heimat her den fremden Lehrmeistern noch
wieder gar manches ausdeuten, wozu sie niemals
mehr selber gelangen werden. So ist's
in Musik und ,,klassischer Dichtung" gewesen,
und so ist's wohl möglich, daß es auch in
den Künsten einmal sein wird so bald
wird's schon noch nicht sein. Denn was wir
jetzt haben, ist noch alles andere als Reife
und Abklärung; es ist vor allen Dingen

erst einmal das wogende
starke Begehren, das Verlangen
, die Sehnsucht da,
daß auch unser Volk noch
wieder, wie einst in Holbeinzeiten
, ein künstlerisches
und ästhetisches werde
. Und daß dann ein Künstler
komme wie Goethe: Von
allem Weltgut bereichert,
universalistisches Empfangenhaben
harmonisch vereinigend
und es dann wieder
in die Welt hinausströmend
durch eine doch gänzlich
selbsteigene, als solche
starke und frei überlegene
deutsche Individualität.

Von einem solchen fernkünftigen
, reichen, aber
harmonisch klaren Goethe
der Kunst ist in Feuerbach
ein etwas von gedämpfter
Vorahnung und auch schon
von Vorausgenommenheit.
Das würde gewiß nicht
sein, wäre er ein robuster
strotzender Mensch aus unverbrauchten
Volksschichten
gewesen, nur von Natur
genährt und von ihr
allein vergleichungslos erzogen
. Aber in ihm, mit
dem eine Familie von Generationen
höchst kultivierter
Menschen zu Ende geht,
in dem durchaus gesunden,
aber zarten Sohne des bis
zur Melancholie sensiblen
Professors konnte die un-
Iphigenie (1862) gewöhnliche und selbstver-

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