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ALOIS KOLB
MORGENSONNE (RADIERUNG)
ALOIS KOLB-MAG DEBURG
EIN BEITRAG ZUM WERDEN DER NEUEN KÜNSTLERISCHEN KULTUR
Radierungen? — Man wird den Unterschriften
unter den hier vorgelegten
Aetzungen nach einigen Blättern von Alois
Kolb mißtrauen. Und dieses Mißtrauen ist
vollkommen gerechtfertigt. Formen wie sie
in „Tod und Wanderer", „Morgensonne",
„Auf der Höhe", „An die Schönheit", „Nacht
und Frühling", „Bogenschütze" vorkommen
und in noch anderen, noch „größeren" Schöpfungen
dieses Künstlers, welche hier noch
nicht mit vorgeführt werden konnten, die
stammen nicht aus der Seele eines Zünftigen
der vielehrenwerten „Griffelkunst". Ganz
entschieden denken wir, wenn wir die Unterschriften
nicht lesen, an große Komposition,
an Fresko oder dergleichen. Sogar einige
der „Ex libris" verraten durch groß gedachte
Verhältnisse, fast architektonischen Aufbau
und Linie einen Mann, der mit breiten Flächen
und tiefen Räumen rechnet. Aber wer macht
nicht gelegentlich ein paar Exlibris! Nach
solchen „Gelegenheitsgedichten", die man
für Freunde ersinnt, oder weil sie gerade
Mode sind und daher etwas eintragen, wird
niemand einen Künstler werten wollen. "Wenn
wir nun der KoLB-Mappe die Originalblätter
entnehmen, so müssen wir wohl einsehen,
daß es in der Tat Drucke von Kupferplatten
sind; aber wir sind versucht, anzunehmen,
in diesen ungewöhnlichen Radierungen habe
der Künstler gewissermaßen eine Ueber-
tragung der von ihm geschaffenen Fresken
und dekorativen Malereien versucht oder doch
der Fresken und der Dekorationen, die er
schaffen würde, wenn jemand ihm Auftrag
dazu erteilte.
Doch das fällt gar niemandem ein. Hier
fassen wir den Ausgangspunkt, den Kern des
Problems wie die dicke Spinne in ihrem Netz.
Nicht nur der „Fall Kolb", sondern der „Fall"
eines jeden echten Künstlers von echten
künstlerischen Instinkten in einer Zeit, die
noch keine Kultur hat, wird von hier aus
aufgehellt. Wir haben eine große Summe
künstlerischer Potenzen auch Kolb ist
eine davon — und wir erkennen, wir schätzen
diese Potenzen an und für sich durchaus.
Allein wir wissen noch nicht wieder, was
wir „mit ihnen anfangen sollen". Wir überlassen
sie sich selber, wir predigen ihnen die
Aesthetik der Subjektivität, die Ethik des
Individualismus, die hohe Moral der saueren
Trauben. In der Tat: es ist nur unsere kulturelle
Unmündigkeit und Hilflosigkeit, die
wir zu verlarven trachten, indem wir die
Künstler lehren, aus der Not eine Tugend
zu machen, indem wir von ihnen den Glauben
an die individualistische Aesthetik verlangen
Dekorative Kunst. IX. I. Oktober 1905.
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