http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0040
^=4sö> STEIN UND EISEN
verschiedenartigen Aufgaben Beider sind nicht
geeignet, eine Verständigung herbeizuführen.
Seit der Ingenieur technische Schwierigkeiten
spielend überwindet und vom Zeichentisch
aus die gewaltigsten Materialmassen
meistert, hat der reine Eisenbau einen Charakter
bekommen, dem es nicht an Zügen
heroischer Monumentalität gebricht. Diese
Monumentalität wirkt um so mehr auf den
modernen Menschen, als er von den historischen
Kunstformen übersättigt ist und nach
eigenem Besitz ausschaut. Es ist verständlich
, daß Menschen, die sich reinen Sinnes
nach einer großgearteten Baukunst sehnen
und doch erkennen, daß dieser Sehnsucht in
absehbarer Zeit Erfüllung nicht werden kann,
sich von der primitiv raffinierten Großartigkeit
gewisser Ingenieurwerke fesseln lassen.
Vor einem Bauwerk wie die Firth of Forth-
brücke mag man starke Impressionen erleben;
mit einem fast ästhetischen Vergnügen sieht
man das Innere einer gewaltigen Bahnhofshalle
, und fast künstlerische Empfindungen
spürt man vor der majestätischen Kraft einer
arbeitenden Dynamomaschine, vor den herben
Formen eines Kriegsschiffes oder nur vor
der harten Grazie eines Krahns. Was in
allen Fällen so stark berührt, ist einerseits
die absolute Phrasenlosigkeit und anderseits
die Form gewordene, mathematisch exakte
Logik. Die Phantasie wird produktiv; sie
beeinflußt das Auge, die störenden Nebensachen
nicht zu sehen, vervollkommnet das
Primitive und träumt sich die Konstruktion,
worin die Schönheit schlummert wie die Blume
im Keim, zu einer Kunst empor. Trotzdem
kann das Ingenierwerk niemals Kunst werden,
weil es ihm an Freiheit gebricht. Auch liegt
eine Veranlassung, diese Konstruktionen künstlerisch
zu steigern, nicht vor, weil es sich
allein um den Dienst nützlicher Zwecke und
praktischer Bedürfnisse handelt. Die Hoffnungen
, die von den modernsten und ernsthaftesten
Geistern an die Bedeutung der Ingenieurarbeit
für die Kunst geknüpft werden,
sind verständlich; aber wir müssen uns trotzdem
klar werden, daß der Wunsch in diesem
Falle der Vater des Gedankens gewesen ist.
Kunst ist in diesem Fall gar nicht vonnöten;
Zweckbauten sind stets am schönsten, wenn
sie konsequent im Rahmen ihrer Bedingungen
bleiben. Dem Eisenbau ist eine Art von
Schönheit zweiten Grades eigen, eine gebundene
Konstruktionsschönheit und eine besondere
Stilidee. Die Konsequenz: das ist
der Stil des Eisens. Da die Rechnung die
entscheidenden Werte prägt, muß es auch
bei der Rechnung bleiben, und fremde
THEODOR VON GOSEN
BRONZEFIGUR: PERSEUS
29
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0040