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DIE ARCHITEKTONISCHE ANLAGE DER OLDENBURGER AUSSTELLUNG 1905
er sagte: „Nun freilich — und dies möchte
ich stärker betonen — liegt in noch so geistvollem
System kein Schlüssel, der das Tor
zur göttlichen Kunst erschließt, sondern es
kommt alles auf das Persönliche, auf das
Intuitive an. Das Temperament und die Begabung
des Künstlers sind die Grundbedingungen
. Ist aber in Leidenschaft die Idee
geboren, so wird dadurch, daß der Künstler
sich durch Objektivität und Geschmack beschränkt
, sie sich zur einheitlichen großen
Form ausdehnen." In diesem Sinne legt er
seinen Bauwerken Verhältnismaße und Figuren
zugrunde, in dem Bewußtsein, daß
erst die Durchdringung des ganzen künstlerisch
konzipierten Werkes in allen seinen
Teilen mit einem Motiv eine wirkliche Harmonie
schafft. Bei dem Oldenburger Ausstellungsgebäude
in seiner Gesamtanlage einschließlich
des Gartens und des großen re-
EIN NEUES DENKMAL
präsentativen Platzes vor demselben mitseinen
Nebengebäuden finden wir das völlig einheitlich
zum Ausdruck gebracht. Dort sind die
Verhältnisse der einzelnen Formen zu einander
und zum Ganzen durch sich im gleichen
Abstand und gleichen Winkeln kreuzende, parallele
Linien bestimmt und damit für die
Flächenteilung der Gebäude wie der sie umgebenden
Anlagen der gleiche Rhythmus als
Einheit angegeben. Es ist leicht, dies Motiv
an dem Oldenburger Bau durchgehend zu
verfolgen und sich über die Wirkung dieses
Motives Rechenschaft zu geben. Der unleugbar
geschlossene, harmonische Eindruck ist
das Ergebnis, das zu erreichen dem Baumeister
völlig gelungen ist.
Dies über die Sache als Ganzes; bezüglich
der Einzelheiten wird das Gesagte durch die
Abbildungen hinlänglich veranschaulicht.
Dr. Otto KREBS-Hamburg
VON LUDWIG HABICH
wurde in Darmstadt auf der Mathildenhöhe
am Aufgang zur Künstlerhausstraße enthüllt.
Es verdankt einer Anregung des Großherzogs
von Hessen seine Entstehung, ist dem Andenken
des Darmstädter Schriftstellers Gottfried
Schwab gewidmet und wurde im Auftrag
von dessen Witwe von Prof. Ludwig
Habich ausgeführt. In äußerer Anlehnung
an das Motiv der herrlichen Adorantenstatue
der altgriechischen Kunst hat Habich die
schlanke Jünglingsgestalt eines zum Lichte
emporstrebenden Genius gebildet. Er ist in
keinem früheren Werke glücklicher im Ausdruck
frischer Kraft und fröhlicher Lebensbetätigung
gewesen; in keinem hat sein prächtiges
Talent so unmittelbar gegeben. Dichtes
Buschwerk umschließt die ganze Denkmalsanlage
, die für sich nochmals durch eine große
Rundbank aus Stein konstruktiv zusammengefaßt
wird. Die lebensgroße Geniusfigur ist aus
Bronze, der Sockel, den ein Porträtmedaillon
Gottfried Schwabs ziert, aus hellgrauem
Lahnkalkstein, einem sehr wirkungsvollen,
hier zum ersten Mal zu künstlerischem Zwecke
verwandten Material. In die dicken Schlußplatten
der Bank sind zwei Reliefs aus Bronze
nach Motiven ScHWAß'scher Dichtungen eingelassen
, ein ausfahrendes Wickingerschiff —
an das populär gewordene „Flottenlied" erinnernd
— und ein Pegasus am kastalischen
Quell. Beide Darstellungen sind in der prägnanten
Schärfe und Lebendigkeit des Ausdrucks
glücklich geraten. -r.
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