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alfred altherr « wohn- und speisezimmer « ausgeführt von j. c. pfaff, berlin
neue :
E. Gordon Craig. »Die Kunst des Theaters
, c Uebersetzt und eingeleitet von Maurice
Magnus, mit einem Vorwort von Harry Graf
Kessler. Verlag von Herrn. Seemann Nach f.,
Berlin und Leipzig 1905. Preis M. 1.50.
Das hübsch ausgestattete kleine Heft enthält
außer mehreren interessanten Dekorations- und
Inszenierungs-Entwürfen Gordon Craigs ein Kapitel
aus dessen großem Buch über »die Kunst des
Theaters«; ein in Dialogform geschriebenes Kapitel,
welches des Künstlers Ideen über eine Reformierung
der Bühne, seine Forderungen an Direktor und
Dekorationsmaler, an Inszeneur und Regisseur,
an Darsteller und — Dichter im wesentlichen enthält
oder doch andeutet. Am liebsten sähe der
Autor alle jene Mit-Schöpfer einer dramatischen
Bühnenaufführung in einer Person vereinigt: in
einem genialen »Künstler der Kunst des Theaters«
wie Gordon Craig von seinem Herausgeber selbst
genannt wird. — Viele der von dem phantasievollen
Neuerer angestrebten Umwälzungen würden für
unser heutiges, von ganz falschen Voraussetzungen
ausgehendes Theater von größter Bedeutung sein
und künstlerisch verwöhnten Augen da Genuß schaffen
, wo heute nur Qual für sie vorhanden ist: die
Betonung dramatisch steigernder, rhythmisch überzeugender
, malerisch fesselnder Faktoren würde
• «
Wirkungen ermöglichen von bisher nicht erreichter
Intensität und dekorativer Schönheit. - Andererseits
ist nicht zu leugnen, daß Gordon Craig, trotz
seiner scheinbar fast unbegrenzten Vielseitigkeit,
in einem einseitigen Extrem befangen ist, indem
seinen Bühneneffekten nicht nur — wie er meint —
das literarische Element im Drama geopfert wird,
sondern von vorneherein die eigentliche, weil innerlich
dramatische Handlung, um derentwillen, zu
deren Offenbarung doch das ganze Schauspiel da
ist. Gordon Craig ist eben seinem ganzen Empfinden
nach Theaterkünstler, aber nicht Dramatiker;
das Endergebnis seiner Forderungen wäre eine Art
Diorama — wenn auch gewiß ein sehr künstlerisches
- mit oder ohne erklärenden Text, mit oder ohne
begleitende Musik; der Dichter stünde im Dienst
des Bühneneffektes, nicht dieser im Dienste des
Dichters.
Besonders hinweisen möchten wir noch auf
Graf Kesslers feinsinniges, voll eingehendsten Verständnisses
für Gordon Craig geschriebenes Vorwort
. Es öffnet dem Leser das Auge für die Elemente
, mit denen Craig arbeitet, für die Werte, durch
welche er unsrer heutigen Bühnenpraxis so weit
überlegen ist, für die reichen und segensreichen
Anregungen, die wir aus seinen Phantasien schöpfen
können.
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