Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 97
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DIE KUNST AUF DER BERLINER FÄCHER-AUSSTELLUNG 1905

(veranstaltet in den salons von friedmann & weber, berlin)

Alle pädagogische Kunstkritik bedroht die
Gefahr, Folgen für Veranlassungen zu
nehmen und nur an ihre Ideale zu denken,
statt an die Gelände, in die sie gepflanzt werden
können. Läßt sich solche Willkür noch
allenfalls bei der Betrachtung der abstrakten
Kunst rechtfertigen, die sich gewöhnt hat,
lediglich mit der großen Persönlichkeit zu
rechnen, im Gewerbe wird die gleiche Abstraktion
zur Torheit. Seit hundert Jahren
werden Bilder ohne Hoffnung auf konkreten
Zweck gemalt. Wir haben schon Häuser-
Ausstellungen gehabt, aber im allgemeinen
sorgt der Kostenpunkt dafür, daß sich Häuser
nicht zu abstrakten Dingen auswachsen. Dieselbe
Gefahr bedroht die Aesthetik des
zierlichen Dings, dem diese Zeilen gelten.
Kann man den Niedergang der Sorgfalt, die
ihm einst gewidmet wurde, in die allgemeine
Dekadenz unseres Gewerbes im 19. Jahrhundert
einschließen? Ich glaube nicht.
Wenn es schon schwer fällt, anzunehmen, die
Juwelen der Frau seien heruntergekommen,
weil das Möbel verdarb; daß es dem Fächer
aus demselben Grund gerade so ging, wird
niemandem einleuchten. Die Vermutung liegt
nahe, daß die Frau daran schuld ist. Und
zwar trifft sie die Verantwortung schwerer
als in der Juwelenfrage. In dieser ist sie
seit grauen Zeiten der passive Teil gewesen,
auserkoren, entweder den Geschmack oder
die Höhe der Renten der freundlichen Spender
zu repräsentieren. Den Fächer aber
machte sie selbst. Er war ihr Werkzeug.
Sie brauchte ihn. Die Damen des Dixhuit-
ieme bedienten sich seiner als Stenographie,
die das ganze Vokabularium enthielt, das
beim Stelldichein anfängt und mit der kühlen
Entschuldigung, gestern unpäßlich gewesen
zu sein, schließt. Der Ehrgeiz der Kaiserin
Eugenie, der holden Grazie, die am Hofe
ihrer königlichen Vorgängerinnen geherrscht
hatte, eine würdige Folge zu geben, ging so

weit, die Fächersprache wieder zu beleben.
Aber wie so manche andere Gebärde des
zweiten Kaiserreichs trotz der schwer unterschätzten
Kultur des Hofes Napoleons III.
nicht die Legitimität der Tradition zu
ersetzen vermochte, so blieb auch dieser
Versuch auf die Laune einer schönen
Fürstin beschränkt. Der Fächerschlag ging
nicht mehr mit der Empfindung der Frau im
gleichen Schritt, die seit der Revolution die
Lust verloren hatte, die Geste gar zu dicht
zu verschleiern. Die Posen, die Guys mit
Meisterschaft aquarellierte, bedurften nicht
mehr der Zeichensprache. Der Fächer war in
seinen guten Zeiten ein Ornament der Frau wie
das Aushängeschild an den Häusern dieser
Epoche, das den Titel der Behausung trug. War
Schild und Schutz- und Angriffswaffe zugleich,
und sein Schmuck glich den kostbaren Einlagen
, die sich die Kavaliere in ihre Lieblingsdegen
graben ließen. Dafür hat die Neuzeit
keinen Platz und keine Zeit mehr. Es
fehlt der Frau in unseren Gesellschaften der
genügende Raum, um das Spiel zu entfalten,
an dem einst die Blicke der Glücklichen und
Genarrten mit Hoffnung und Zweifel hingen.
Die Atmosphäre um unsere Frauen ist durch
Intellektualität verdorben. Sie sprechen nicht
über Liebe, sondern über psychologische
Dramen, reden über Kunst und die Frauenfrage
, und wenn sie diese Dinge auch nicht
annähernd so verstehen wie das Lieblingsthema
des Jahrhunderts der Schäferspiele, sie
genügen, um in ihre Stirnen Falten zu ziehen,
um ihre Gesten männlich und häßlich zu
machen, um ihren Reiz zu verarmen. Der
feine Duft, der einst den Fächern entströmte
und wie eine warme, betörende Welle den
Knieenden umfing, ist dem witzigen Wort der
nur zu Geistreichen gewichen, und mit dem undifferenzierten
Parfüm desSchnupftuchsmischt
sich der Geruch der kategorischen Seife.
Ich gestehe, daß ich nicht weiter darüber

Dekorative Kunst, IX. 3. Dezember 1905

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