Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 115
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0126
DIE DARMSTÄDTER GARTENBAU-AUSSTELLUNG 1905

Die Geschichte des Gartenbaues zeigt ein
recht sonderbares Bild. Während bis ins

118. Jahrhundert hinein das Gefühl für die
architektonische Zusammengehörigkeit des
Gartens mit dem Hause unbedingt vorhanden

Iwar, warfen die naturschwärmerischen Neigungen
, die gegen die Mitte des Jahrhunderts
besonders stark hervortraten, alle alte Re-

T gel und die gute Einsicht über den Haufen,

I und der Gartenbau wurde durch sie um allen

1 Zusammenhang mit der Architektur gebracht.

T Er wurde fast zur Spielerei im großen und

I kleinen, kaum irgendjemand vermochte sich

1 von den Gedanken der Zeit loszumachen und

T zu erkennen, daß alles Menschenwerk gegen

I die Natur nur bestehen kann, wenn ihm die

| menschlich formende Hand ihr Zeichen auf-

T gedrückt hat. Es ist wenig bekannt, daß einer

I der wenigen, in Gartenfragen selbständig

1 Denkenden Schiller war. In einem Garten-

j kalender von 1795 hat er seine Meinungen

I ausgesprochen, die auch für uns noch immer

j höchst beachtenswert sind. Zwei Sätze fassen

j sein Urteil besonders deutlich zusammen; sie

| mögen hier stehen: „Soll also die Gartenkunst

1 endlich von ihren Ausschweifungen zurück-

T kommen und wie ihre anderen Schwestern

I zwischen bestimmten und bleibenden Gesetzen

1 ruhn, so muß man sich vor allen Dingen deut-

j lieh gemacht haben, was man denn eigentlich

I will, eine Frage, woran man, in Deutschland

1 wenigstens, noch nicht genug gedacht zu haben

T scheint. Es wird sich alsdann wahrscheinlicher-

| weise ein ganz guter Mittelweg zwischen der

I Steifigkeit des französischen Gartengeschmacks

T und der gesetzlosen Freiheit des sogenannten

| englischen finden"......

J Erst heute, nach hundert Jahren, ist der

T Kampf gegen die Verirrungen des Gartenge-

I fühls wirklich ernsthaft geworden; Künstler

1 und Kenner fordern für den Garten die wür-

T dige Gestaltungsart zurück und suchen nach

I neuen Wegen. Die tatsächlichen Ergebnisse

| der Bewegung sind bisher nur spärlich; sie be-

T schränken sich auf erste Versuche einzelner

I Architekten im Anschluß an ihre Wohnhaus-

1 bauten und auf einige Ausstellungsvorfüh-

T rungen, unter denen der BEHRENs'sche Garten

| in Düsseldorf wohl die ernsthafteste und in

1 manchem Sinne fruchtbarste Leistung war.*)
Die Darmstädter Gartenbauausstellung im

*) Vergl. Märzheft 1905: Gartengestaltung II, S.246
bis 249 und Juliheft 1905: Die Gartenanlage auf der
Düsseldorfer Gartenbau-Ausstellung 1904, S. 390—398.

August und September dieses Jahres ist die
erste Veranstaltung gewesen, die wirklich in
der Hauptsache dem Gartenbau und der Gartenkunst
gewidmet war. Sie fand in dem alten,
regelmäßig gestalteten Bessunger Orangeriegarten
statt. Großherzog Ernst Ludwig hatte
sein Besitztum zur Verfügung gestellt, und er
hat überhaupt auf manche Weise die Ausstellung
gefördert und gedanklich anregend gewirkt
. Die gegebenen Grundformen, auf denen
sich die Ausstellung somit aufbauen konnte,
der Rahmen, der sie umschloß, gab von vornherein
wenigstens die Möglichkeit, sie nach
einheitlichem Plane zu gestalten. Das ist nun
in einer sehr glücklichen Weise geschehen,
und es war von besonderem Wert, daß Prof.
Olbrich den Hauptteil des Geländes nach
seinen Plänen zu einem geschlossenen Bild
zusammenfassen konnte. So wurde es möglich
, daß der alte Garten als einheitliche
Gesamtanlage erhalten blieb und betrachtet
werden kann.

Eine wundervolleZugangsstraße alter Linden
führt zum Garten vor. Den ruhigen und wuchtigen
Barockformen des Orangeriegebäudes,
das nur einen Flügel des ursprünglich geplanten
langgestreckten Baues darstellt, ist
ein weiter Blumengrund vorgelagert, den im
Hintergrund eine Eibenhecke in ruhigen Buchtungen
schließt. Sie läßt in der Mittelflucht
Raum für eine breite Treppe, auf der man
zur ersten Terrasse mit großem Wasserbecken
hinaufsteigt. Eine weitere Treppe führt dann
zur zweiten, tieferen, baumbestandenen Terrasse
, die durch eine Futtermauer von der
ersten geschieden ist, und hinter der man sich
etwa das Schloß denken mag. Das Ganze wird
umschlossen von Reihen dichter, alter Bäume.
Der Rhythmus dieser einfachen Teilung und
die ruhigen, gesetzmäßigen Formen wirken
noch heute so unmittelbar wie früher mit
ihrer großen, unwiderstehlichen Kraft. Mir
wird dabei wieder deutlich, daß bei allen tekto-
nischen Gebilden nichts schlimmer ist, als
persönlich gefühlsmäßige Willkür, und daß in
der reinen Geometrie ein Zauber liegt, der
dieses freudige Gefühl ruhevoller Sicherheit
und Harmonie gibt. Darum sind auch diese
alten Gärten immer noch unser kostbarster
Besitz, dem wir recht eifrig und liebevoll,
nicht unterwürfig freilich, nachforschen sollen.

Ganz allgemein herrscht bei allen Einzelvorführungen
die Gradlinigkeit der Form; das
Streben darnach geht sogar in den meisten
Fällen bis zur gänzlichen Ausschaltung jeder

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