Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 158
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DAS HEIM EINES SYMBOLISTEN

Ein Mensch mit kultiviertem Geschmack
ist eigentlich nicht zu beneiden. Jede
Stillosigkeit - mag es sich um Kunstwerke
im engeren Sinne, mag es sich um Dinge
des Alltagslebens handeln - - bereitet ihm beinahe
physische Schmerzen. In einem Zimmer
zum Beispiel, worin der Philister mit Behagen
verweilt, fühlt sich der Aesthet unglücklich
. Der ordinäre Bezug des Sofas,
das Rosenmuster der Tapete, die protzenhafte
vergoldete Uhr beleidigen ihn empfindlich,
die bunten Farben des Oeldrucks an der
Wand tun ihm weh, das Prachtwerk mit Goldschnitt
auf dem Tisch macht ihn nervös,
und über die verrückte Zeichnung des Kron-

VILLA FERNAND KHNOPFF

leuchters gerät er in helle Verzweiflung. Der
Künstler zumal fühlt sich durch eine brutale
Umgebung bedrückt, er vermag nicht zu
schaffen, wenn er beständig genötigt ist, auf
eine bronzierte Gipsvase, einen großen Papierfächer
oder ein Makartbukett zu blicken. Deshalb
errichtet er sich gern ein künstliches
Paradies, in das kein Mißton der barbarischen
Außenwelt zu dringen vermag, und umgibt
sich mit Kunstschätzen, die seinem seltenen
Geschmacke zusagen. Natürlich entspricht
diese Umgebung dem Stil seiner eigenen
Gemälde oder Skulpturen. Der Präraffaelit
Rossetti stattete seine efeuumsponnene,
düstere Wohnung mit alten Truhen, Messingleuchtern
, Kruzifixen, orientalischen
Vasen und exotischen
Blumen aus, und das
malerische bric-ä-brac seiner
Gemächer kehrt auf den
Hintergründen seiner mystischen
Frauenbildnisse wieder
, Whistler, der Schöpfer
der „princesse du pays
de la porcelaine", gestaltete
sein Haus zu einem Museum
japanischer Kunstwerke
; Lenbachs Porträts
mit ihrem Altmeisterton
sehen aus, als seien sie
lediglich gemalt, um die in
Helldunkel gehüllten, mit
alten Teppichen und schweren
Renaissancedecken prunkenden
Räume des Künstlers
zu zieren, und Stuck
hat den kraftvoll antikisierenden
Stil seiner Bilder
auch auf die Einrichtung
seiner Wohnung übertragen
. Dieselbe Hand, die die
Linien und Farben eines
Bildes wählt und abwägt,
ordnet auch das Mobiliar
des Studio.

Niemand aber hat seine
Wohnung so vollkommen
in Einklang mit seinen Gemälden
gesetzt, wie der
raffinierteste Stilist unserer
Zeit, der belgische Symbolist
Fernand Khnopff.
Die Besichtigung seines
Hauses in Brüssel hat mir

FLUR MIT BLICK INS ATELIER

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