Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 163
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_14_1906/0174
-sMsö> DAS HEIM EINES SYMBOLISTEN <&=^

eigentlich erst das volle Verständnis seiner
Kunst erschlossen.

Jedermann kennt die Werke Khnopffs,
jene seltsamen Harmonien in blassen Farben:
Schlanke Frauen mit melancholischen Zügen,
faszinierende, oft durch den Bildrahmen
launenhaft überschnittene Köpfe, deren Augen
bald kalt medusenhaft, bald sphinxartig unergründlich
blicken, deren grausame Lippen
bald versteinert, bald zu einem hysterischen
Lachen verzerrt sind, und rings um solche
Figuren hat ein überfeinerter Geschmack allerhand
archaische, preziöse Gegenstände gruppiert
. Man möchte glauben, der Künstler
vergnüge sich an einem zwecklosen Spiel mit
schönen Dingen. In der Tat malt er immer
und immer wieder nur das Inventar seines
Hauses, das er sich selbst ersonnen hat:
Büsten mit maskenhaftem Antlitz, zerbrechliche
Kandelaber, Vorhänge, die von dünnen
goldenen Stangen herabhängen und zwischen
denen hindurch sich Ausblicke in marmorbleiche
Hallen eröffnen. Seine Bilder machen
nicht selten den Eindruck kapriziöser Ausschnitte
aus dem künstlerischen Ganzen, das
ihn umgibt und wie ein magischer Spiegel
seine Ideen, seine Träume reflektiert. Der
Hintergrund der „Aronslilie" gibt den Eindruck
eines khnopff'schen Interieurs so getreu
wieder, als sei ein photographischer
Apparat auf irgend eine Ecke seines Ateliers,
seines Korridors gerichtet gewesen.

Der Künstler bewohnt das letzte Haus
einer einsamen Straße, dicht bei den schönen
Bäumen des Bois de la Cambre. Ueber der
schwarzen Tür, die sich vor einem unergründlichen
Geheimnis zu schließen scheint,
steht eine Inschrift, deren dunklen Sinn ich
mir zunächst nicht zu erklären vermag: „Passe-
Futur". Ich glaube, mich geirrt zu haben,
denn das Haus hat keine Nummer. Oder
ist der Besitzer vielleicht verreist? Alle
Fenster sind mit Vorhängen dicht verschlossen,
und aus dem Innern dringt kein Laut. Doch
bald erscheint ein alter Diener, der mich
schweigend eintreten läßt, und im selben
Augenblicke glaube ich ein paar melancholische
Akkorde zu hören, die wie in weiter
Ferne ersterben. Sofort gibt es eine Ueber-
raschung. Statt in einer „guten Stube" befinde
ich mich in einem kleinen Raum, dessen
nackte Wände blendend weiß sind, nur ein
Lorbeerbaum steht in einer Ecke. Ich denke
an irgend ein Bild von Burne-Jones, und
meine Erwartungen sind aufs höchste gespannt
.

Fernand Khnopff macht nicht den Eindruck
eines Vierdimensionalen, seine Erschei-

VILLA FERNAND KHNOPFF: BLICK IN DAS VORZIMMER

nung hat nichts Auffallendes, er ist ein Weltmann
von korrektem Benehmen und vollendeter
französischer Höflichkeit. Er übernimmt
die Führung, und nun tut sich Wunder
über Wunder auf. Ist Maeterlincks Dichtung
zur Wirklichkeit geworden? Bin ich in jenes
Marmorschloß geraten, wo die sieben Prin-
zessinen verzaubert schlummern? Da ist ein
endloser Gang mit tiefer Perspektive in ein
entferntes Zimmer, da sind Treppen, die
aufwärts, abwärts führen, und Fenster, aus
denen man in einen tiefer liegenden Saal
hinabschaut. Alles ist auf gourmethaft blasse
Töne gestimmt. Die Wände, die Decke, der
Fußboden leuchten in fleckenlosem Weiß, die
Vorhänge, die die Gemächer hie und da einteilen
, sind von einem seidenartigen, verblichenen
Blau, mattgoldene Ornamente sind
spärlich verteilt, und auf Gesimsen stehen
in venezianischen Gläsern oder in Kristallbechern
Blumen, aber keine frisch erblühten,
sondern seltene, mattfarbige Rosen von verwelktem
Aussehen. Selbst das Licht ist nicht
das des nüchternen Tages, sondern ein künstliches
, mystisch gedämpftes, denn die Fenster

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