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sind mit durchsichtigen Schleiern verhängt,
durch die man die Bewegungen der Baumkronen
draußen nur wie ein undeutliches,
magisches Wallen und Weben gewahrt. „Vor
einen solchen Hintergrund", bemerkte der
Künstler, „stelle ich mit Vorliebe meine
Modelle." Reale, plastische Formen gegen
einen verschwommenen, gleichsam unwirklichen
Grund!
Den Schmuck der Wände bilden die Skizzen,
Radierungen und Gemälde, die in elfenbeinfarbige
Rahmen gefaßt sind und an goldenen
Ketten herabhängen. Es sind des Meisters
eigene Arbeiten — denn alles ist hier von
seiner Hand, - die nur im Rahmen solcher
Interieurs zu ihrer vollen Wirkung gelangen.
Im Atelier, und zwar so gestellt, daß man
ihn fast überall sieht, befindet sich auch jener
merkwürdige, aus so vielen Bildern bekannte
Kopf mit dem einen Flügel, der fast zur
Signatur des Künstlers geworden ist. In England
hat Khnopff das Modell gefunden, das
seinen Typus weiblicher Schönheit bestimmt,
von den englischen Präraffaeliten leitet er
seinen Stil her, und in England hat er auch
diesen Kopf des Hypnos gesehen, an dem
die meisten Besucher des Britischen Museums
sicher achtlos vorübergegangen sind, der aber
auf ihn eine geheimnisvolle Anziehungskraft
ausübte. Das Bronzewerk hat er bezeichnenderweise
in Marmor kopiert, um es dem
weißen, reinlichen Charakter seiner Räume
anzupassen. Mannimmt meistens an, Khnopff
sei der vollendete Artist, er liebe solche
Kunstwerke ihrer delikaten Form und Färbung
wegen, vielleicht auch deshalb, weil sie dunkle
Ahnungen erwecken, Erinnerungen an längst
vergangene Kulturen. Seine eigene Meinung
ist das nicht. „Ich will," sagte er mir, „daß
jedes Ding einen bestimmten tieferen Sinn
habe." An dem Kopf des Hypnos ist zufälligerweise
ein Flügel abgebrochen; für
Khnopff wird er dadurch zum Symbol des
gelähmten Strebens, des „Gefühles der Abhängigkeit
", und es sind keine sanften Träume,
die dieser Gott des Schlafes bringt; seine
Züge sind grausam, die leeren Augenhöhlen
glühen nachts in einem künstlichen Feuer, und
hinter das Bildwerk ist — bizarr, aber symbolisch
deutlich — ein dürres Reisigbündel
gesteckt.
Wie das empfindliche Auge des Modernen der
bunten unruhigen Farbenreize müde geworden
ist, so meidet auch der Geist die starken Erregungen
und gibt sich lieber einer sanften Resigniertheit
hin. Die elegische Kontemplation
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