Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 14. Band.1906
Seite: 165
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-=^4^> DAS HEIM EINES SYMBOLISTEN <^=--

VILLA FERNAND KHNOPFF

DAS BLAUE ZIMMER

des Hinwelkens aller Schönheit gibt den
Grundton, den die kabbalistischen und astrologischen
Kreise und Zeichen an Wand und
Decke, die kranken Blumen am Fenster, und
das monotone Plätschern des Brunnens wiederholen
. An einer Seite des Ateliers rieseln
nämlich zwischen zwei rosenfarbenen Muscheln
dünne Strahlen hervor, in dem Mamorbecken
aber treiben abgerissene Blumenblätter umher
und bilden bei der kreisenden Bewegung
des Wassers seltsame Zeichen, deren beständiger
Auflösung und Vereinigung man
träumend zuschauen und dabei die Stunden vergessen
könnte. Das Gurgeln des Brunnens
macht die Stille in den kühlen Hallen hörbar,
man vernimmt das Echo der eigenen Worte, als
ob sie von unsichtbaren Lippen wiederholt
würden, und fährt erschrocken zurück, wenn
man plötzlich in einem Spiegel das eigene
Antlitz zwischen Marmormasken erblickt. Es
gibt hier nur lauter Rätsel, Fragen ohne Antwort
, die Phantasie verwirrt sich, und man
glaubt, daß alles nur ein Traum sei.

Mein Wirt führt mich schließlich — bei
jedem Schritt genieße ich malerische Durchblicke
— hinauf in das Allerheiligste, einen
dämmerigen Raum in Blaßblau und Mattgold,
der eigens zum Träumen bestimmt ist. (Abb.

s. oben.) Hier könnte wie ein Altarbild dasTrip-
tychon stehen, woran der Künstler gerade arbeitet
, und dessen Mittelstück den Weihrauch
symbolisch verbildlicht. An der einen Wand
befinden sich zwei goldene Ringe. „Sie sollen",
erklärte mir Khnopff, „die Namen der beiden
Künstler, die ich am höchsten verehre, einfassen
: Edward Burne-Jones und Gustave
Moreau". Von dem ersteren hängt hier eine
Zeichnung, ein Geschenk des großen Präraffae-
liten, und bei Moreau erinnerte ich mich an
ein Gemälde Khnopffs im Atelier, das fast
einer Huldigung an den Pariser Einsiedler
gleicht und aussieht, als ob es aus lauter Edelsteinen
zusammengesetzt sei. Es stellt den
heiligen Antonius nach Flaubert dar, wie ihm
die Versuchung in Gestalt eines Weibes mit
kindlich unschuldiger Miene naht und den
Wüstenbewohner durch das Anbieten märchenhafter
Reichtümer verlocken möchte: „Willst
du den Schild des Dgian-ben-Dgian, des
Mannes, der die Pyramiden baute? Da ist
er ... . Ich habe Schätze, eingeschlossen
in den Galerien, wo man sich wie in einem
Walde verirrt. Ich habe Sommerpaläste aus
Bambusrohr und Winterpaläste aus schwarzem
Marmor. . . . Ah! Si tu voulais!"

Zuletzt besichtigen wir den Garten. Rings

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