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bedauern, doch darf man hoffen, daß sein
künstlerisches Wirken nicht mit ihm zu Grabe
geht. Seine Gemahlin, eine Malerin, war
seine Mitarbeiterin, und ein junger Künstler,
George Joung, hatte sich ihnen seit einiger
Zeit beigesellt. Diese beiden werden im Geiste
des Verstorbenen die Arbeiten fortführen.
Ein neues, wenn auch zum Teil auf histori-
schenMotiven beruhendesUnternehmen stellen
die „Moravian Pottery and Tile Works"
in Doylestown, Pennsylvania dar. C. Mercer
fertigt die Entwürfe. Auf sehr geschickte und
eigenartige Weise sind die maurischen Anklänge
für moderne Zwecke verwendet.
Infolge der aufblühenden kunstgewerblichen
Schulen wird die amerikanische Keramik bald
einen bedeutenden Aufschwung nehmen. In
New York sind im Anschluß an die Columbia-
Universität unter Professor Arthur Dow
neue Klassen eingerichtet worden; die „Art
Students League", die bedeutendste New
Yorker Kunstschule, hat dieses Jahr zum
erstenmal eine kunstgewerbliche Abteilung
eröffnet, und in Alfred im Staate New York
besteht jetzt eine Staatsschule für Keramik.
Außerdem existieren eine Menge mehr oder
minder bedeutender Privatinstitute für kunstindustrielle
Zwecke. Im Westen weist das
„Art Institute" in Chicago die Hauptstätte
auf, wo Keramik studiert wird, und im Süden
haben wir im New Comb-College zu New
Orleans ein Institut, wo ausschließlich von
Frauen lediglich Keramik studiert wird.
Der Anfänge genug! Hoffentlich versinken
sie nicht wie viele frühere Bestrebungen in
Oberflächlichkeit und Dilettantismus. Von Sir
Purdon Clarke, dem neuen Direktor unseres
New Yorker „Metropolitan Museums of Art"
erwartet man übrigens eine bedeutsame Förderung
aller Zweige des Kunstgewerbes, also
auch der Keramik. Er kommt bekanntlich
vom Kensington-Museum in London.
LESEFRÜCHTE
Die Reinheit unseres Geschmacks läßt sich am
besten aus seiner Vielseitigkeit ermessen; denn wenn
uns nur dieses oder jenes Ding Bewunderung einflößt
, so können wir dessen sicher sein, daß die Ursache
, weshalb es uns gefällt, ihrer Natur nach eine
kleinliche und falsche ist. Wenn wir jedoch das
Schöne in allen von Gott geschaffenen Dingen wahrnehmen
, dann sind wir berechtigt, vorauszusetzen,
daß wir eine richtige Vorstellung von den allumfassenden
Gesetzen der Schönheit haben. Deshalb
läßt sich falscher Geschmack an seinem wählerischen
Wesen, an seiner Versessenheit auf Prunk, Glanz und
auffällige Zusammenstellung und an seiner Vorliebe
zu seltsamen Stilarten und Förmlichkeiten erkennen.
John Ruskin
*
Wollen wir dem Arbeiter und Bürger helfen, so
müssen die Menschen feiner Bildung als Vorbild
vorausgehen, denn die Kunst für die vielen beginnt
mit der Kunst der wenigen, die nicht nur für sich,
sondern für viele zu schaffen vermögen.
Lothar von Kunowski
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